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August Forel an Abdu'l-Baha

August Forel an Abdu'l-Bahá

Hochverehrter Herr,

ich habe soeben wunderbare Briefe gelesen, die Sie nach Angaben von Herrn Wilhelm Herrigel, der sie ins Deutsche übersetzte, 1910 an eine Dame, Frau Dr. F., gerichtet haben. Triff dies zu? Sind diese Briefe tatsächlich bereits 1910, vor dem Weltkrieg, geschrieben worden? In diesem Fall bin ich höchst erstaunt über Ihren prophetischen Scharfblick.

Aber ich habe Ihnen eine sehr wichtige Frage zu stellen. Ich muß Ihnen sagen, daß ich mit meinen nunmehr 72 Jahren immer von den Wahrheiten der Wissenschaft begeistert war. Schon 1874 habe ich ein umfangreiches Buch über die Verhaltensweisen der Ameisen geschrieben, und seit dieser Zeit Werke über die Anatomie des Gehirns, über Hypnose, über die Sinneswahrnehmungen der Insekten, über die Hygiene des Nervensystems, über die sexuelle Frage usw. Von 1879 bis 1898 war ich Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich und Direktor der dortigen Irrenanstalt. Von da her werden Sie den Grund meiner folgenden Frage verstehen.

Gelesen habe ich überdies die Statuten der Bahá'í-Religion oder vielmehr ihre Grundsatzerklärungen, ferner Ihre Abhandlung (aus dem Englischen von Miss Goodall übersetzt) wider den "Glauben der Naturphilosophen über Gott" und das Gespräch von Professor Edw. G. Browne¹ mit Baha'o'llah 1890 in Akka. Schließlich habe ich das Buch von Mirza Abul Fazl² über die Geschichte der Bahá'í-Religion in deutsch gelesen.

¹ Englischer Orientalist, 1862-1926. Vgl. H.M. Balyuzi "Edward Granville Browne and the Bahá'í Faith", George Ronald, London 1970

² Abu'l-Fadl-i-Gulpáygání, Geschichte und Wahrheitsbeweise der Bahá'í-Religion (deutsch aufgrund der englischen Übersetzung) Stuttgart 1919

Aus diesem Schrifttum scheint hervorzugehen, daß Sie die Naturphilosophen im allgemeinen solcher Irrtümer beschuldigen, die nur bei gewissen Fanatikern eines strengen Materialismus zutreffen, welche - wie Oswald und Haeckel -, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, eine "Metaphysik der Energie oder der Materie" begründen. Man vergeudet seine Zeit damit, die Atome, die Energie, das Unendliche, das Universum usw. gelehrt abzuhandeln; das sind nur sinnleere Worte. Ich für meinen Teil bin Monist im folgenden Sinn: Ich bin sicher, daß die Funktionen des Gehirns und der menschlichen Seele nur ein untrennbares Ganzes sind. Folglich kann ich nicht an ein Fortleben der individuellen Seele nach dem Tod des Gehirns glauben. Dieser Monismus gehört in den Bereich der Wissenschaft und läßt sich induktiv beweisen. Dagegen erkläre ich mich wie der Philosoph Sokrates und der große Naturforscher Darwin in Sachen der Metaphysik als absoluten Agnostiker, das heißt, "Gott" ist für mich nichts als das - mutmaßlich absolute, aber für den Menschen absolut unerkennbare - Wesen des Universums. Es ist demnach absolut nutzlos, es mit Eigenschaften und mit irgendwelchen Absichten ausstatten zu wollen. "Gott", das heißt das vermutete Metaphysisch-Absolute, ist der Ursprung dessen, was schlecht und was gut ist, mit Bezug auf uns ebenso wie mit Bezug auf jedes andere Wesen. Warum? Wir wissen es nicht, und jeder Versuch einer Auslegung ist nutzlos, ja schädlich. Wenn wir Gott ergründen wollen, bewegen wir uns nur in falschen Zirkelschlüssen. Aus diesem Grund habe ich herein mit 16 Jahren die christliche "Konfirmation" abgelehnt. Ich gehöre keinem Bekenntnis an.

Nun behaupten Sie aber in ihrer Auseinandersetzung mit den Vertretern des Naturalismus, Herrigel und den Bahá'í zufolge, Gott habe ein eigenes Bewußtsein¹, einen Willen, die Macht der Wahl; er sei vollkommen. Bewußtsein, Wille, Wahlfreiheit sind aber persönlichmenschliche Eigenschaften, und was Vollkommenheit sein könnte, davon haben wir keine Vorstellung. Ihr Gott wäre demnach "persönlich, das heißt einem Menschen, einem idealisierten Menschen ähnlich". Andere Textstellen Ihrer prachtvollen internationalen Religion stimmen nicht mit einer gewissen Beschränktheit, die aus dem ganzen Buch von Mirza Abul Fazl hervorgeht, überein. Abul Fazl greift die Freidenker ganz gehörig an. Trotz alI meiner Bewunderung für Ihre menschlichen Grundsätze bekenne ich somit, daß ich Ihre "göttlichen" Grundsätze nicht verstehe. Hier also meine Frage:

¹ Im französischen Brieftext "une conscience de lui (Bewußtsein)"


Kann ich, ja oder nein, mit meinem vorerwähnten Agnostizismus der Bahá'í-Religion angehören, ohne mich selbst und andere zu belügen?

Ich habe 1916 oder 1917 einen Aufsatz über das veröffentlicht, was ich die wissenschaftliche Religion des "Gemeinwohls" genannt habe, im Sinne des oben Erwähnten, mit ähnlichen Wesenszügen wie Ihre Religion. Am 15. Februar 1921 kehre ich an meinen Wohnort Yvorne (Waadt), Schweiz, zurück; wenn Sie mir dorthin antworten, kann ich Ihnen diesen Aufsatz schicken.

Gestatten Sie, hochverehrter Herr, den Ausdruck meiner Gefühle aufrichtiger Bewunderung.

(gez.) Dr. A. Forel

vormals Professor an der Universität Zürich

Rüppurr bei Karlsruhe, 28. XII. 20, Baden, Deutschland Auerstraße 24

P.S.: Nur um meine Frage zu begründen, habe ich oben ausschließlich diejenigen Punkte dargelegt, in denen ich die Bahá'í-Religion von meinem Glauben, abweichen sehe, wobei ich sie nach Herrigel usw., beurteile. In allem Übrigen, vor allem unter dem Gesichtspunkt der Moral oder Humanethik und der umfassenden Toleranz für alle Glaubensbekenntnisse auf der Erde, kann ich Sie nur bewundern und mit allen meinen Kräften unterstützen.
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Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden Verfasst am: 16.11.2007, 23:54
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