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Erläuterungen zum 11. Kapitel der Johannesoffenbarung

ERLÄUTERUNGEN ZUM 11. KAPITEL DER OFFENBARUNG DES JOHANNES

Am Anfang des 11. Kapitels der Offenbarung des Johannes heißt es:

"Und es ward mir ein Rohr gegeben, einem Stecken gleich, und er sprach: Stehe auf und miß den Tempel Gottes und den Altar und die darin anbeten."

"Aber den Vorhof außerhalb des Tempels wirf hinaus und miß ihn nicht; denn er ist den Heiden¹ gegeben, und die heilige Stadt werden sie zertreten zweiundvierzig Monate."

¹ Im griechischen Text: "Völkern".

Dieses Rohr ist ein vollkommener Mensch, der mit einem Rohr verglichen wird, und die Bedeutung dieses Vergleichs ist die: Wenn das Innere des Rohres hohl und frei gemacht wird, können wunderbare Melodien auf ihm gespielt werden; und wie Ton und Melodie nicht von ihm selber kommen, sondern vom Flötenspieler, der darauf bläst, so ist das geheiligte Herz jenes gesegneten Menschen losgelöst von allem außer Gott, rein und frei von jeder menschlichen Bindung, und ist der Gefährte des göttlichen Geistes. Jede seiner Äußerungen kommt nicht von ihm selbst, sondern von dem wirklichen Flötenspieler und ist göttliche Eingebung. Darum wird er mit dem Rohr verglichen, und dieses Rohr ist wie ein Stab eine Hilfe für die Schwachen und eine Stütze für die menschlichen Geschöpfe. Es ist der Stab des göttlichen Hirten, mit dem Er Seine Herde hütet und zu den Weideplätzen im Königreiche leitet.

Weiter ist gesagt: " ... und er sprach: Stehe auf und miß den Tempel Gottes und den Altar und die darin anbeten." Das heißt, vergleiche und miß: Messen ist die Auffindung des richtigen Verhältnisses. Der Engel sagte also: Vergleiche den Tempel Gottes und den Altar mit denen, die darin beten, nämlich ermiß ihre wirkliche Beschaffenheit und erforsche, auf welcher Stufe sie stehen, welchen Rang, welche Vollkommenheiten und Eigenschaften sie haben und wie ihr Zustand und ihr Betragen sind. Verschaffe dir Kenntnis von den Geheimnissen dieser heiligen Seelen, die in Reinheit und Heiligkeit am Allerheiligsten wohnen.

#57

"Aber den Vorhof außerhalb des Tempels wirf hinaus und miß ihn nicht; denn er ist den Heiden gegeben ... "

Zu Beginn des 7. Jahrhunderts nach Christus, als Jerusalem erobert wurde, blieb das Allerheiligste, nämlich das Gebäude, das Salomon errichtet hatte, äußerlich erhalten. Der Vorhof außerhalb des Allerheiligsten aber wurde weggenommen und den Heiden gegeben. "Und die heilige Stadt werden sie zertreten zweiundvierzig Monate." Das heißt, die Fremden werden Jerusalem 42 Monate lang, also 1260 Tage, beherrschen und leiten. Da jeder Tag ein Jahr bedeutet, ergeben sich nach dieser Rechnung 1260 Jahre, was der Dauer des Zeitalters des Islám entspricht. Denn nach dem Text der Heiligen Schrift ist jeder Tag ein Jahr, wie wir im 4. Kapitel, Vers 6, des Buches Hesekiel lesen: "Du sollst tragen die Missetat des Hauses Juda vierzig Tage lang; denn ich gebe dir hier auch je einen Tag für ein Jahr."

Die Berechnung dieser Prophezeiungen beginnt mit der Offenbarung des Islám, als Jerusalem zertreten wurde, das heißt, daß es entehrt wurde. Das Allerheiligste aber blieb erhalten, beschützt und geehrt. Diese Ereignisse dauerten bis 1260. Diese 1260 Jahre sind eine Prophezeiung für die Offenbarung des Báb, des Tores¹ für Bahá'u'lláh, Der im Jahre 1260 nach der Auswanderung Muhammads erschien. Da die Zeit von 1260 Jahren damit beendet wurde, beginnt Jerusalem, die Heilige Stadt, wiederum aufzublühen, bevölkert und glücklich zu werden. Jeder, der Jerusalem vor 60 Jahren sah und es heute² wiedersieht, wird bemerken, wie es gedeiht, wie volkreich es geworden ist und seine Ehre wieder gefunden hat.

¹ d.h. Vorläufers. ² im Jahre 1904

Dies ist der äußere Sinn der Verse der Offenbarung Johannis, aber es gibt noch eine andere Erklärung und eine symbolische Bedeutung: Das göttliche Gesetz zerfällt in zwei Teile; ein Teil ist die wesentliche Grundlage, die alle geistigen Dinge umfaßt, das heißt, er bezieht sich auf die geistigen Tugenden und göttlichen Eigenschaften. Er unterliegt weder Wechsel noch Wandel. Er ist das Allerheiligste, das der Kern im Gesetz Adams, Noahs, Abrahams, Mose, Christi, Muhammads, des Báb und Bahá'u'lláhs ist, und das besteht und gültig bleibt durch die Zeitalter aller Propheten. Niemals wird er aufgehoben, denn er ist geistige, nicht materielle Wirklichkeit. Er ist Glaube, Wissen, Gewißheit, Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Rechtschaffenheit, Vertrauenswürdigkeit, Liebe zu Gott, innerer Friede, Reinheit, Loslösung, Demut, Sanftmut, Geduld und Standhaftigkeit. Er ist Mitleid mit den Armen, verteidigt die Unterdrückten, beschenkt die Unglücklichen und hebt die Gefallenen auf.

#58

Diese göttlichen Eigenschaften, diese ewigen Gebote werden niemals aufgehoben, sondern sie werden bestehen und in alle Ewigkeit dauern. Diese Tugenden der Menschheit werden in jedem prophetischen Zyklus erneuert, denn an seinem Ende geht das geistige Gesetz Gottes, das heißt die menschlichen Tugenden, verloren, und nur die äußere Form bleibt zurück.

So war bei den Juden am Ende des mosaischen Zeitalters, das mit der Offenbarung Christi zusammenfällt, das göttliche Gesetz verlorengegangen, und eine Form ohne Geist war übriggeblieben. Das Allerheiligste war unter ihnen verschwunden, aber der Vorhof Jerusalems als Ausdruck für die Form der Religion - fiel in die Hände der Heiden. So ging auch das Wesentliche des göttlichen Gesetzes Christi, in dem die höchsten Tugenden der Menschheit enthalten sind, verloren, und nur die äußere Form blieb in den Händen der Priester und Mönche zurück. Und ebenso ist die Grundlage der Religion Muhammads verschwunden, aber ihre Form blieb in den Händen der amtlichen 'Ulamá. - Jene Grundlagen der Religion Gottes, die geistiger Natur und die Tugenden der Menschheit sind, werden niemals aufgehoben. Sie werden nie abgesetzt, sind ewig und werden im Zeitalter jedes Propheten erneuert.

Der zweite Teil des göttlichen Gesetzes, der die stoffliche Welt betrifft und Fasten, Gebet, Gottesdienst, Ehe und Scheidung, Abschaffung der Sklaverei, Gerichtsbarkeit, geschäftliche Angelegenheiten sowie Strafe und Sühne für Mord, Gewalttat, Diebstahl und Körperverletzung umfaßt, - dieser Teil also, der sich auf die materiellen Dinge bezieht, wird in jedem prophetischen Zyklus je nach den Erfordernissen der Zeit geändert und abgewandelt.

#59

Kurz, was mit dem Ausdruck "das Allerheiligste" gemeint ist, ist jenes geistige Gesetz, das niemals verändert, abgewandelt oder aufgehoben wird, und die "Heilige Stadt" bedeutet das materielle Gesetz, das abgeschafft werden kann. Und dieses materielle Gesetz, das als die Heilige Stadt bezeichnet wird, sollte 1260 Jahre lang mit Füßen getreten werden.

"Und ich will meinen zwei Zeugen geben, daß sie sollen weissagen tausend zweihundertundsechzig Tage, angetan mit Säcken." Diese zwei Zeugen sind Muhammad, der Bote Gottes, und 'Alí, der Sohn Abú-Tálibs¹.

¹ 'Alí war der Schwiegersohn und Nachfolger Muhammads.

Im Qur'án steht geschrieben, daß Gott zu Seinem Propheten Muhammad sprach: "Wir haben dich zum Zeugen, zum Botschafter der Freude und zum Warner gemacht." Das heißt¹: "Wir haben dich als Zeugen, als Vermittler froher Botschaften und als Bringer des Zorns Gottes eingesetzt." Die Aufgabe eines Zeugen ist, die Tatsachen durch seine Aussage zu belegen. Die Gesetze dieser beiden Zeugen hatten während 1260 Tagen, von denen jeder ein Jahr bedeutet, Gültigkeit. Muhammad ist dem Stamm und 'Alí dem Zweig zu vergleichen, ebenso wie Moses und Josua. Weiter heißt es: " ... angetan mit Säcken." Das soll besagen, daß sie, äußerlich gesehen, alte Kleidung, keine neue, trugen. Mit anderen Worten, zu Beginn besaßen sie in den Augen des Volkes keinerlei äußeren Glanz, und ihre Sache erschien nicht neu, denn Muhammads geistiges Gesetz entspricht dem Gesetz Christi in den Evangelien, und viele Seiner Gesetze, die sich auf materielle Dinge beziehen, stimmen mit denen des Alten Testaments überein. Das ist die Bedeutung der alten Kleidung.

¹ Der zitierte arabische Qur'án-Text wird hier von 'Abdu'l-Bahá in freier persischer Übersetzung wiederholt.

Dann ist gesagt: "Diese sind die zwei Ölbäume und zwei Fackeln, stehend vor dem Herrn der Erde." Diese zwei Seelen vergleicht Er mit Ölbäumen, weil zu jener Zeit alle Lampen mit Olivenöl brannten. Es sind zwei Personen gemeint, von denen jener Geist der Weisheit Gottes, der die Ursache der Erleuchtung der Welt ist, erscheint. Diese Leuchten Gottes sollten strahlen und scheinen, deshalb wurden sie mit zwei Fackeln verglichen: Die Fackel ist der Wohnort des Lichts, und von ihr strahlt das Licht aus. In gleicher"Weise scheint und strahlt aus diesen erleuchteten Seelen das Licht der Führung.

#60

Weiter heißt es: " ... stehend vor dem Herrn der Erde." Sie stehen also im Dienst Gottes und erziehen Seine Geschöpfe, wie zum Beispiel die wilden Nomadenstämme der arabischen Halbinsel, die sie in solcher Weise erzogen, daß sie die höchste Kulturstufe jener Zeit erreichten und ihr Ruf und ihre Berühmtheit die Welt durchdrang.

"Und so jemand sie will schädigen, so geht Feuer aus ihrem Munde und verzehrt ihre Feinde." Damit ist gemeint, daß ihnen niemand Widerstand leisten kann. Wenn jemand ihre Lehren und ihr Gesetz herabsetzen will, so wird er von eben diesem Gesetz, das aus ihrem Munde geht, erfaßt und verzehrt. Und jeder, der versucht, sie zu hassen, zu verletzen und zu bekämpfen, wird durch einen Befehl, der aus ihrem Munde geht, vernichtet. Und so kam es auch; alle ihre Feinde wurden überwunden, in die Flucht geschlagen und zunichte gemacht. In dieser sichtbarsten Weise hat Gott ihnen beigestanden.

Ferner steht geschrieben: "Diese haben Macht, den Himmel zu verschließen, daß es nicht regne in den Tagen ihrer Weissagung," was bedeutet, daß sie in jenem Zyklus wie Könige sind. Das Gesetz und die Lehren Muhammads sowie die Erklärungen und Erläuterungen 'Alís sind himmlische Gnade; wenn sie wollen, haben sie die Macht, diese Gnade zu gewähren. Wenn sie nicht wollen, wird es nicht regnen: in diesem Zusammenhang ist Regen das Zeichen für Gnade.

Später heißt es: " ... und haben Macht über das Wasser, es zu wandeln in Blut." Damit soll gesagt sein: Das Prophetentum Muhammads ist dem Prophetentum Mose, und die Macht 'Alís derjenigen Josuas gleich. Wenn sie wollen, verwandeln sie das Wasser des Nils, soweit es die Ägypter und die Gottesleugner angeht, in Blut. Das heißt, daß das, was die Ursache ihres Lebens war, durch ihre Torheit und ihren Hochmut zur Ursache ihres Todes wurde. So wurden Herrschaft, Reichtum und Macht des Pharao und seines Volkes, die die Ursachen des Lebens der Nation waren, durch ihre Gegnerschaft und Verleugnung und ihren Stolz zur Ursache von Tod, Zerstörung, Zerstreuung, Erniedrigung und Armut. Diese beiden Zeugen haben also die Macht, Völker zu vernichten.

#61

Und weiter steht geschrieben: " ... und zu schlagen die Erde mit allerlei Plage, so oft sie wollen." Das bedeutet, daß sie auch die materielle Kraft und die Macht besitzen, Übeltäter, Bedrücker und Tyrannen zu erziehen. Denn Gott hat diese beiden Zeugen mit äußerer und innerer Macht begnadet, so daß sie die wilden, blutdürstigen und tyrannischen arabischen Nomaden, die wie Raubtiere waren, bessern und erziehen konnten.

"Und wenn sie ihr Zeugnis geendet haben", will sagen, wenn sie durchgeführt haben, wozu sie beauftragt waren, die göttliche Botschaft übermittelt, die Gesetze Gottes eingeführt und die himmlischen Lehren verbreitet haben, so daß die Zeichen geistigen Lebens in den Seelen offenbar würden, das Licht wahrer menschlicher Tugenden leuchte, bis umfassende Fortschritte unter die Nomadenstämme gebracht sind, " ... so wird das Tier, das aus dem Abgrund aufsteigt, mit ihnen einen Streit halten und wird sie überwinden und wird sie töten." Mit diesem Tier sind die Baní-Umayyih¹ gemeint, die sie aus dem Abgrund des Irrtums angriffen und sich gegen die Religion Muhammads und die Wirklichkeit 'Alís - mit anderen Worten die Liebe zu Gott - empörten.

¹ Die Dynastie der Umaijaden.

Wenn gesagt ist, daß das Tier mit den beiden Zeugen einen Streit hält, so heißt das einen geistigen Streit. Denn es wird sich in voller Stärke gegen die Lehren, die Einrichtungen und das Brauchtum dieser beiden heiligen Seelen wenden, und zwar in einem solchen Ausmaß, daß die Tugenden und Vorzüge, die durch die Kraft dieser beiden Zeugen unter den Völkern und Stämmen verbreitet wurden, ganz verloren gehen, und die tierische Natur und sinnliche Leidenschaften die Oberhand gewinnen werden. Deshalb werde dieses Tier, das einen Streit mit ihnen hält, sie überwinden; das heißt, die Dunkelheit des Irrtums, die von dieser Bestie ausgeht, wird die ganze Welt beherrschen, und sie wird jene beiden Zeugen töten. Mit anderen Worten: Das von ihnen unter den Völkern erweckte geistige Leben wird das Tier vernichten, und die Religion Gottes mit den Füßen tretend, wird es die göttlichen Gesetze und Lehren völlig beseitigen. Danach wird nichts als ein lebloser Körper ohne Geist übrigbleiben.

#62

"Und ihre Leichname werden liegen auf der Gasse der großen Stadt, die da heißt geistlich `Sodom und Ägypten`, da auch ihr Herr gekreuzigt ist." "Ihre Leichname" bedeutet die Religion Gottes, und die "Gasse" bezeichnet ihre öffentliche Anprangerung. "Sodom und Ägypten, da auch ihr Herr gekreuzigt ist" bezieht sich auf jene Gegend Syriens, und besonders auf Jerusalem, wo die Umaijaden damals herrschten. Hier wurden die göttlichen Lehren und das Gesetz Gottes zuerst mißachtet, und ein Körper ohne Geist blieb zurück. "ihre Leichname" steht für Gottes Gesetz, das wie ein lebloser Körper ohne Geist übrigblieb.

"Und es werden etliche von den Völkern und Geschlechtern und Sprachen ihre Leichname sehen drei Tage und einen halben und werden ihre Leichname nicht lassen in Gräber legen." Wie früher bereits erklärt wurde, bedeuten nach der Ausdrucksweise der Heiligen Bücher drei und ein halber Tag drei und ein halbes Jahr, drei und ein halbes Jahr aber bestehen aus 42 Monaten, und 42 Monate aus 1260 Tagen; und da jeder Tag nach dem Text der Heiligen Schrift ein Jahr bedeutet, heißt das, daß während 1260 Jahren, die den Zyklus des Qur'án bilden, die Stämme, Nationen und Völker "ihre Leichname sehen", was heißt, daß sie aus der Religion Gottes eine Schaustellung machen: einerseits handeln sie nicht in Übereinstimmung mit ihr, andererseits lassen sie nicht zu, daß "ihre Leichname" - eben das Gesetz Gottes - zu Grabe getragen werden. Äußerlich halten sie an der Religion Gottes fest und lassen sie nicht völlig aus ihrer Mitte verschwinden; auch erlauben sie nicht, daß ihr toter Körper ganz zerstört und vernichtet werde. In Wirklichkeit aber haben sie das Gesetz Gottes verlassen, und nur nach außen hin erwähnen sie es und halten an seinem Namen fest.

Mit "etliche von den Völkern" sind die Stämme und Nationen gemeint, die unter dem Schutz des Qur'án vereinigt sind und die nicht zulassen, daß die Sache Gottes und Sein Gesetz auch nach außen hin völlig zertreten und zerstört werden. So haben sie das Gebet und das Fasten beibehalten, aber die wirklichen Grundlagen der Religion Gottes, nämlich Moral, gute Lebensführung und Erkenntnis der göttlichen Geheimnisse sind verlorengegangen. Das Licht der menschlichen Tugenden, die aus der Gottesliebe und Gotteserkenntnis erwachsen, ist erloschen, und die Dunkelheit der Gewalt, der Unterdrückung und satanischer Leidenschaften und Laster hat die Oberhand gewonnen. Der Körper des göttlichen Gesetzes wurde wie ein Leichnam in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt, und zwar 1260 Tage lang, von denen jeder ein Jahr bedeutet. Und dies ist die Zeit des Muhammadanischen Zyklus.

#63

Was diese beiden Männer geschaffen hatten, und was das Fundament des göttlichen Gesetzes gewesen war, das haben die Menschen verwirkt. Sie zerstörten die Tugenden der menschlichen Welt, die die göttlichen Geschenke und der Geist dieser Religion sind, in solcher Weise, daß Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Liebe, Einigkeit, Reinheit, Heiligkeit, Loslösung und alle göttlichen Eigenschaften unter ihnen vergingen. Nur Gebete und Fasten blieben von der Religion bestehen; dieser Zustand dauerte 1260 Jahre, was die Zeitspanne für den Zyklus des Furqán¹ ist. Es war, als ob die beiden Zeugen gestorben und ihre Körper ohne Geist zurückgeblieben wären.

¹ Ein anderer Name für den Qur'án, der seine Bedeutung kennzeichnet.

"Und die auf Erden wohnen, werden sich freuen über sie und wohlleben und Geschenke untereinander senden; denn diese zwei Propheten quälten die auf Erden wohnten." "Die auf Erden wohnten" bedeutet die anderen Nationen und Rassen, nämlich die Völker Europas und des fernen Asiens. Als sie sahen, daß sich der Charakter des Islám völlig verändert hatte, daß das göttliche Gesetz nicht mehr befolgt wurde, daß Tugenden, Eifer und Ehre vernichtet und die Eigenschaften verwandelt waren, freuten sie sich und waren froh, daß Sittenverderbnis die islamischen Völker angesteckt hatte, denn sie wußten, daß diese deshalb von anderen Völkern unterworfen werden würden. So ist es auch geschehen. Sieh, wie dieses Volk, das auf dem Gipfel der Macht stand, heute erniedrigt und unterdrückt ist.

Die anderen Völker werden "Geschenke untereinander senden" heißt, sie werden sich gegenseitig helfen, "denn diese zwei Propheten quälten die auf Erden wohnten". Mit anderen Worten, sie hatten die anderen Völker und Nationen der Welt besiegt und unterworfen.

"Und nach drei Tagen und einem halben fuhr in sie der Geist des Lebens von Gott, und sie traten auf ihre Füße; und eine große Furcht fiel über die, so sie sahen." Dreieinhalb Tage bedeuten 1260 Jahre, wie vorher ausführlich erklärt wurde. Die zwei Personen, deren Körper ohne Geist dalagen, bedeuten die Unterweisungen und das religiöse Gesetz, das Muhammad begründet und 'Alí verbreitet hatte, dessen wahre Grundlage jedoch verlorenging und von dem nur die äußere Form übrigblieb. In diese Körper kehrte der Geist zum zweiten Male ein, das heißt, jene Grundlagen und Lehren wurden zum zweiten Male eingesetzt. Mit anderen Worten: Geistigkeit des göttlichen Gesetzes war in Materialismus, Tugenden in Laster, Liebe zu Gott in Haß, Erleuchtung in Finsternis, göttliche Eigenschaften in satanische, Gerechtigkeit in Tyrannei, Erbarmen in Feindseligkeit, Aufrichtigkeit in Lüge, Führung in Irreleitung und Keuschheit in niedrige Sinnenlust verwandelt worden. Nach dreieinhalb Tagen, die nach der Ausdrucksweise der Heiligen Bücher 1260 Jahre bedeuten, wurden jene göttlichen Lehren, Tugenden und Vollkommenheiten und die geistigen Gnadenbeweise durch das Erscheinen des Báb und die Ergebenheit des Quddús¹ erneuert.

¹ Háji Muhammad 'Alí Barfurúshi, einer der bedeutendsten Jünger des Báb und einer der neunzehn "Buchstaben des Lebendigen".

#64

Der Atem der Heiligkeit wehte, das Licht der Wahrheit leuchtete, der seelenerquickende Frühling erschien, und der Morgen der Führung dämmerte. Die beiden leblosen Körper wurden wieder belebt, und diese beiden großen Männer, der eine der Begründer, der andere der Verbreiter, standen auf und waren wie zwei Fackeln, denn sie erleuchteten die Welt mit dem Lichte der Wahrheit.

"Und sie hörten eine große Stimme vom Himmel zu ihnen sagen: Steiget herauf! Und sie stiegen auf in den Himmel ..." Das heißt, aus dem verborgenen Himmel hörten sie die Stimme Gottes, die sprach: Was getan werden mußte und was notwendig war, habt ihr vollbracht, die Lehren und frohen Botschaften habt ihr verbreitet, Meine Botschaft habt ihr den Geschöpfen übermittelt, den Ruf Gottes habt ihr erschallen lassen und eueren Auftrag habt ihr erfüllt. Nun müßt ihr wie Christus euer Leben dem innig Geliebten als Opfer darbringen und Märtyrer werden. Und jene Sonne der Wahrheit und jener Mond der Führung¹ gingen beide wie Christus am Horizont des größten Martyriums unter und stiegen auf zum Königreich Gottes.

¹ Der Báb und sein Jünger Quddús.

#65

" ... und es sahen sie ihre Feinde" das heißt, viele ihrer Feinde erkannten nach ihrem Märtyrertod die Höhe ihrer Stufe und die Erhabenheit ihres Verdienstes und bekundeten ihre Größe und Vollkommenheit.

"Und zu derselben Stunde ward ein großes Erdbeben, und der zehnte Teil der Stadt fiel, und wurden getötet in dem Erdbeben siebentausend Namen der Menschen."

Dieses Erdbeben ereignete sich in Shiráz nach dem Märtyrertod des Báb. Die Stadt war in Aufruhr, und viele Menschen kamen um. Darüber hinaus herrschte durch Krankheiten, Cholera, Hungersnot, Teuerung, Mangel und Unglück so große Erregung, wie sie nie zuvor dagewesen war.

"Und die anderen erschraken und gaben Ehre dem Gott des Himmels."

Bei dem Erdbeben in Fárs jammerten und klagten die Überlebenden Tag und Nacht, sie flehten und riefen zu Gott; sie waren so von Angst und Aufregung erfüllt, daß sie nachts weder Schlaf noch Ruhe fanden.

"Das andere Wehe ist dahin; siehe, das dritte Wehe kommt schnell." Das erste Wehe war das Erscheinen Muhammads, des Sohnes 'Abdu'lláhs - Friede sei mit ihm. Das zweite Wehe war das Kommen des Báb - Ruhm und Preis seien ihm. Das dritte Wehe ist der große Tag der Offenbarung des Herrn der Heerscharen und der Strahlungspunkt der Schönheit des Verheißenen. Die Erklärung für diesen Punkt, das Wehe, steht im Buche Hesekiel im 30. Kapitel, Vers 2-3, wo es heißt: "Und des Herrn Wort geschah zu mir und sprach: Du Menschenkind, weissage und sprich: So spricht der Herr, Herr: Heulet: `O weh des Tages`. Denn der Tag ist nahe, ja, des Herrn Tag ist nahe."

Es ist demnach sicher, daß der Tag des Wehe der Tag des Herrn ist; denn jener Tag bringt das Wehe den Achtlosen, den Sündern und den Nicht-Erkennenden. Darum ist gesagt: "Das andere Wehe ist dahin; siehe, das dritte Wehe kommt schnell." Dieses dritte Wehe ist der Tag der Offenbarung Bahá'u'lláhs, der Tag Gottes; und er war nahe dem Tag des Erscheinens des Báb.

"Und der siebente Engel posaunte; und es wurden große Stimmen im Himmel, die sprachen: Es sind die Reiche der Welt unseres Herrn und seines Christus geworden, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit."

#66

Der siebente Engel ist ein mit himmlischen Eigenschaften begabter Mensch, der sich mit überirdischem Wesen und Charakter erheben wird. Stimmen werden laut, damit das Erscheinen der Offenbarung Gottes verkündet und bekannt werde. Am Tage des Kommens des Herrn der Heerscharen und in der Zeit des göttlichen Zyklus des Allmächtigen, der in allen Büchern und Schriften der Propheten verheißen und erwähnt wurde, - an diesem Tag des Herrn wird das geistige und göttliche Königreich errichtet und die Welt erneuert; ein neuer Geist wird allem Erschaffenen eingehaucht, die Zeit des göttlichen Frühlings bricht an, die Wolken der Gnade regnen, die Sonne der Wahrheit scheint, der lebenspendende Windhauch weht, die Menschenwelt legt ein neues Gewand an, die Erde wird zu einem erhabenen Paradiese; die Menschheit wird erzogen, Krieg, Streit, Zank und Bosheit verschwinden, Wahrhaftigkeit, Rechtschaffenheit, Ehrlichkeit und Gottesverehrung erscheinen; Einigkeit, Liebe und Brüderlichkeit werden die Welt erfüllen, und Gott wird herrschen von Ewigkeit zu Ewigkeit, das heißt, daß das geistige und ewige Königreich aufgerichtet wird. So ist der Tag Gottes. Alle Tage, die früher kamen und gingen, waren die Tage Abrahams, Mose, Christi oder der anderen Propheten, dieser Tag aber ist der Tag Gottes, denn die Sonne der Wahrheit wird in all ihrer Pracht und Herrlichkeit aufgehen.

"Und die vierundzwanzig Ältesten, die vor Gott auf ihren Stühlen saßen, fielen auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: "Wir danken Dir, Herr, allmächtiger Gott, Der Du bist und warest, daß Du hast angenommen Deine große Kraft und herrschest."

In jedem Zyklus waren die Auserwählten und Heiligen zwölf Männer. Jakob hatte zwölf Söhne; in den Tagen Mose waren es zwölf Stammeshäupter; in der Zeit Christi waren es zwölf Jünger und in den Tagen Muhammads zwölf Imáme. Aber in dieser herrlichen Offenbarung sind es vierundzwanzig Männer, das Doppelte all der anderen, denn die Größe dieser Offenbarung erfordert es. Diese heiligen Seelen sitzen in der Gegenwart Gottes auf ihren eigenen Thronen, was bedeutet, daß sie ewig herrschen.

#67

Diese vierundzwanzig großen Persönlichkeiten verehren, obgleich sie auf den Thronen ewiger Herrschaft sitzen, dennoch das Erscheinen der allumfassenden Offenbarung und sind ergeben und demütig und sagen: "Wir danken Dir, Herr, allmächtiger Gott, Der Du bist und warest, daß Du hast angenommen Deine große Kraft und herrschest." Das besagt: Deine Lehren wirst Du überall verbreiten, und alles, was auf Erden ist, wirst Du unter Deinem Schutz vereinen, und die ganze Menschheit wirst Du im Schatten eines einzigen Zeltes versammeln. Obwohl es das ewige Königreich Gottes ist und Er immer ein Königreich hatte und noch hat, bedeutet das Königreich hier Seine eigene Offenbarung¹; und Er wird alle die Gesetze und Lehren, die der Geist für die menschliche Welt sind, und ewiges Leben geben. Diese allumfassende Offenbarung erobert die Welt durch geistige Macht, nicht durch Krieg und Streit; sie tut es mit Frieden und Heiterkeit, nicht mit dem Schwert und Waffen; sie errichtet dieses himmlische Königreich mit wahrer Liebe und nicht mit der Gewalt des Krieges. Sie fördert diese göttlichen Lehren durch Güte und Rechtlichkeit, nicht durch Waffengewalt und Härte. Sie erzieht die Menschen und Nationen so, daß sie trotz aller Verschiedenheit ihrer Lebensumstände, der Mannigfaltigkeit ihrer Sitten und Charaktere, der Unterschiede in ihren Religionen und Rassen, wie es in der Bibel heißt, wie der Wolf und das Lamm, der Leopard und das Zicklein, die Schlange und der Säugling Kameraden, Freunde und Gefährten werden. Der gegenseitige Rassenhaß, die religiösen Gegensätze und die nationalen Schranken werden völlig beseitigt, und alle werden unter dem Schatten des Gesegneten Baumes in größter Einigkeit und Harmonie miteinander leben.

¹ Seine vollkommenste Offenbarung.

"Und die Heiden sind zornig geworden," weil Deine Unterweisungen den niedrigen Neigungen der Heiden entgegenliefen, "und es ist gekommen Dein Zorn", das heißt, über alle kam offenbarer Schaden, weil sie Deine Ermahnungen, Ratschläge und Unterweisungen nicht befolgten; darum gingen sie Deiner ewigen Gnadengaben verlustig, und das Licht der Sonne der Wahrheit blieb vor ihnen verschleiert.

" ... und die Zeit der Toten, zu richten", das heißt, die Zeit kommt, in der die Toten, nämlich die Seelen, die dem Geist der Liebe Gottes fern sind und am ewigen Leben der Heiligkeit nicht teilhaben, gerecht gerichtet werden; dies bedeutet, daß sie sich erheben werden, um das zu empfangen, was sie verdienen. Er läßt die Wahrheit ihrer Geheimnisse sichtbar werden und zeigt, in welchen Niederungen sie in dieser Welt leben, so daß sie mit Recht Tote genannt werden.

#68

" ... und zu geben den Lohn Deinen Knechten, den Propheten und den Heiligen und denen, die Deinen Namen fürchten, den Kleinen und Großen." Dies besagt, daß Er die Gottesfürchtigen mit unendlicher Gnade auszeichnen und sie gleich Sternen am Himmel ewiger Erhabenheit leuchten lassen wird. Er hilft ihnen, indem Er sie zu einem Betragen und einer Lebensweise befähigt, die das Licht für die Menschheit, der Anlaß zur Führung und das Mittel zum ewigen Leben im göttlichen Königreich sind.

" ... und zu verderben, die die Erde verderbt haben." Das bedeutet, daß Er die Nachlässigen ausschließen wird, denn die Blindheit der Blinden wird offenbar, die Schau der Sehenden wird sich zeigen, die Torheit und Unwissenheit der Irregeleiteten wird erkannt und das Wissen und die Weisheit der Geführten werden deutlich; aus diesem Grunde werden die Verderber vernichtet.

"Und der Tempel Gottes ward aufgetan im Himmel." Das himmlische Jerusalem wird gefunden, und das Allerheiligste wird sichtbar. Das Allerheiligste bedeutet in der Sprache der Weisen das Wesen des göttlichen Gesetzes und die wahre göttliche Lehre, die in keinem Zyklus irgendeines Propheten verändert wurde, wie schon früher erklärt wurde. Das Heiligtum Jerusalems wird mit der Wirklichkeit des göttlichen Gesetzes verglichen, das das Allerheiligste ist, und all die Gesetze, Gebräuche, Riten und irdischen Vorschriften sind die Stadt Jerusalem - daher wird oben vom himmlischen Jerusalem gesprochen. Kurz, da in diesem Zyklus das göttliche Licht in hellstem Glanz von der Sonne der Wahrheit ausstrahlt, wird sich das Wesen der göttlichen Unterweisung in dieser erschaffenen Welt durchsetzen, und die Finsternis der Torheit und Unwissenheit wird vergehen; die Welt wird zu einer neuen Welt, und Erleuchtung wird vorherrschen. So wird das Allerheiligste erscheinen.

"Und der Tempel Gottes ward aufgetan im Himmel," heißt auch, daß durch die Verbreitung der göttlichen Lehren, das Erscheinen der himmlischen Geheimnisse und den Aufgang der Sonne der Wahrheit die Tore zum Heil und Erfolg in der ganzen Welt geöffnet sind und himmlische Segnungen sichtbar werden.

#69

"Und die Lade Seines Bundes ward in Seinem Tempel gesehen." Das heißt, das Buch Seines Testamentes wird in Seinem Jerusalem sichtbar, die Tafel des Bundes¹ wird geschrieben, und die Bedeutung von Testament und Bund wird klargemacht. Der göttliche Ruf durchdringt den Osten und Westen, und die Verkündung der Sache Gottes erfüllt die Welt. Die Verletzer des Bundes werden erniedrigt und zerstreut, und die Getreuen werden geliebt und erhöht, denn sie halten sich an das Buch des Testaments und stehen fest und aufrecht im Bunde.

"Und es geschahen Blitze und Stimmen und Donner und Erdbeben und ein großer Hagel." Nach dem Erscheinen des Buchs des Bundes erhebt sich ein großer Sturm, die Blitze des göttlichen Zornes zucken, die Donnerschläge der Bündnisverletzung werden vernehmbar, das Erdbeben des Zweifels zeigt sich, der Hagel der Vergeltung fällt auf die Verletzer des Bundes, und sogar jene, die sich als gläubig bekennen, werden von Prüfungen und Versuchungen heimgesucht.

¹ Ein Werk Bahá'u'lláhs, in dem Er 'Abdu'l-Bahá ausdrücklich als denjenigen bestimmt, zu dem sich alle nach Seinem Tode wenden sollen. Es trägt den Namen Kitáb-i-'Ahd und ist als "Buch des Bundes" zusammen mit dem "Willen und Testament" 'Abdu'l-Bahás in Deutsch im Bahá'í-Verlag, Frankfurt am Main, 1957 in 2. und 3. Auflage erschienen.

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Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden Verfasst am: 19.11.2007, 20:54
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