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Anmeldedatum: 16.11.2007 Beiträge: 329
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| Kitab-i-Iqan - Zweiter Teil (1) |
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+2:1 (102)
Wahrlich, Er, die Sonne der Wahrheit, der Offenbarer des höchsten Wesens, hat allezeit die unbestrittene Souveränität über alles im Himmel und auf Erden, selbst wenn kein Mensch auf Erden zu finden wäre, der Ihm gehorchte. Er, wahrlich ist unabhängig von aller irdischen Herrschaft, sollte Er auch jeder Macht bar sein. So offenbaren Wir dir die Mysterien der Sache Gottes und verleihen dir die Edelsteine göttlicher Weisheit, damit du dich vielleicht auf den Schwingen der Entsagung zu jenen Höhen erhebest, die vor den Augen der Menschen verschleiert sind.
+2:2 (103)
Es ist Sinn und Zweck dieser Ausführungen, denen, die reinen Herzens und geheiligten Geistes sind, zu enthüllen und aufzuzeigen, daß die Leuchten der Wahrheit und die Spiegel des Lichtes göttlicher Einheit unwandelbar mit allbezwingender Macht versehen und mit unbesiegbarer Souveränität bekleidet sind, in welchem Zeitalter und Zyklus sie auch aus den unsichtbaren Wohnstätten altehrwürdiger Herrlichkeit in diese Welt herabgesandt wurden, um die Menschenseelen zu erziehen und allen erschaffenen Dingen Gnade zu erweisen. Denn diese verborgenen Edelsteine, diese versteckten, unsichtbaren Schatzkammern sind in sich selbst offenbar und rechtfertigen die Wirklichkeit der heiligen Worte: »Wahrlich, Gott tut, was immer Er will, und befiehlt, was immer Ihm gefällt.«¹
¹ vgl. Qur'án 2:253 , 14:28 , 22:14/18
+2:3 (104)
Jedem verständigen, erleuchteten Herzen ist offenbar, daß Gott, die unerforschliche Wesenheit, das göttliche Sein, unermeßlich erhaben ist über alle menschlichen Merkmale wie leibliche Existenz, Aufstieg und Abstieg, Ausgang und Rückkehr. Fern sei es Seiner Herrlichkeit, daß des Menschen Zunge angemessen Sein Lob künden oder des Menschen Herz Sein unergründliches Mysterium erfassen könnte. Er ist und war von jeher in der altehrwürdigen Ewigkeit Seines Wesens verhüllt und wird in Seiner Wirklichkeit dem Schauen der Menschen ewiglich verborgen bleiben. »Keine Schau erfaßt Ihn, Er aber erfaßt alle Schau; Er ist der Scharfsinnige, der Allsehende.«¹ Kein Band unmittelbaren Verkehrs kann Ihn an Seine Geschöpfe binden. Hoch erhaben steht Er über aller Trennung und Verbindung, Nähe und Ferne. Kein Zeichen kann Seine Gegenwart oder Abwesenheit künden, denn durch ein Wort Seines Befehles wurden alle im Himmel und auf Erden ins Dasein gerufen, und durch Seinen Wunsch, den Urwillen selbst, sind alle aus gänzlichem Nichtsein in das Reich des Seins, in die Welt des Sichtbaren, getreten.
¹ Qur'án 6:103
+2:4 (105)
Gnädiger Gott! Wie könnte eine Verwandtschaft oder nur mögliche Verbindung gedacht werden zwischen Seinem Wort und denen, die daraus erschaffen sind? Der Vers: »Gott warnt euch vor sich selbst«¹, zeugt klar für die Richtigkeit Unserer Argumentation, und das Wort: »Gott war allein, niemand war da neben Ihm«, ist ein sicheres Zeugnis seiner Wahrheit. Zu allen Zeiten haben die Propheten Gottes und ihre Erwählten, die Geistlichen, Wissenden und Weisen einmütig ihr Unvermögen erkannt, dieses reinste Wesen aller Wahrheit zu begreifen, und ihre Unfähigkeit eingestanden, Ihn, die innerste Wirklichkeit aller Dinge, zu erfassen.
¹ Qur'án 3:30
+2:5 (106)
Das Tor der Erkenntnis des Altehrwürdigen der Tage ist so vor dem Antlitz aller Wesen verschlossen. Darum hat der Quell unendlicher Gnade nach Seinem Vers: »Seine Gnade ist größer denn alle Dinge; Meine Gnade hat sie alle umfangen«¹, jene leuchtenden Edelsteine der Heiligkeit aus dem Reiche des Geistes in der edlen Gestalt des menschlichen Tempels erscheinen und allen Menschen offenbar werden lassen, auf daß sie der Welt die Mysterien des unveränderlichen Seins schenken und ihr von Seinem reinen, unsterblichen Wesen künden. Diese geheiligten Spiegel, diese Aufgangsorte altehrwürdiger Herrlichkeit sind allesamt auf Erden die Vertreter Dessen, der innerster Kern, reinstes Wesen und letztes Ziel des Weltalls ist. Von Ihm geht ihre Erkenntnis und Macht aus, von Ihm leitet sich ihre Souveränität ab. Die Schönheit ihres Antlitzes ist nur eine Widerspiegelung Seines Bildes, ihre Offenbarung ein Zeichen Seiner unsterblichen Herrlichkeit. Sie sind die Schatzkammern göttlicher Erkenntnis, die Verwahrungsorte himmlischer Weisheit. Durch sie wird eine Gnade vermittelt, die unendlich ist, und durch sie wird das Licht enthüllt, das nimmer verlöschen kann. So hat Er gesprochen: »Kein Unterschied ist zwischen Dir und ihnen, außer, daß sie Deine Diener und von Dir erschaffen sind.«Gebet des Monats Rajab« des ujja, des 12. Imáms, übermittelt durch das Tor Muammad Ibn 'Uthmán.»² Dies ist die Bedeutung der Überlieferung: »Ich bin Er, Er selbst, und Er ist Ich, Ich selbst.«
¹ Qur'án 7:157
² aus dem `Gebet des Monats Rajab` des Hujja, des 12. Imáms, übermittelt durch das Tor Muhammad Ibn Uthmán
+2:6 (107)
Die Traditionen und Sprüche, die sich auf Unseren Gegenstand beziehen, sind verschieden und mannigfach. Wir haben es Uns um der Kürze willen versagt, sie alle anzuführen. Nein fürwahr, alles in den Himmeln und auf Erden ist ein unmittelbarer Beweis dafür, daß sich darin Gottes Attribute und Namen offenbaren, da jedes Atom die Zeichen verwahrt, welche für die Offenbarung des Größten Lichtes beredtes Zeugnis ablegen. Mich dünkt, ohne die Wirkkraft dieser Offenbarung könnte kein Wesen je bestehen. Wie hell strahlen die Leuchten der Erkenntnis in einem Atom, wie weit hin wogen die Meere der Weisheit in einem Tropfen! In höchstem Grade gilt dies für den Menschen, der von allem Erschaffenen mit dem Gewande solcher Gaben bekleidet und für die Herrlichkeit einer solchen Auszeichnung auserkoren wurde! Denn in ihm sind alle Namen und Attribute Gottes potentiell in einem Maße offenbart, das von keinem erschaffenen Wesen übertroffen wird. Alle diese Namen und Eigenschaften treffen auf ihn zu. So hat Er gesagt: »Der Mensch ist Mein Geheimnis, und Ich bin sein Geheimnis.«¹ Mannigfaltig sind die Verse, die in allen himmlischen Büchern und heiligen Schriften wiederholt zu diesem schwierigsten, erhabensten Thema offenbart worden sind. So hat Er offenbart: »Wir werden ihnen sicherlich Unsere Zeichen zeigen in der Welt und in ihnen selbst.«² Weiter spricht Er: »Und auch in euch selbst, wollt ihr da nicht die Zeichen Gottes schauen?«³ Und wiederum offenbart Er: »Und seid nicht wie jene, die Gott vergessen und die Er darum ihr eigenes Selbst vergessen ließ«.<4> In diesem Zusammenhang hat Er, der ewige König - mögen die Seelen aller, die im mystischen Tabernakel<5> wohnen, ein Opfer für Ihn sein - gesprochen: »Wer sich selbst erkannt hat, hat Gott erkannt«.<6>
¹ Heilige Tradition Muhammads ² Qur'án 41:53 ³ Qur'án 51:21-22
<4> Qur'án 59:20 <5> siehe Glossar <6> Ausspruch des Imám Alí
+2:7 (108)
Ich schwöre bei Gott, o du geschätzter und geehrter Freund! Solltest du diese Worte in deinem Herzen erwägen, du würdest sicherlich die Tore göttlicher Weisheit und unendlicher Erkenntnis vor deinem Antlitz weit geöffnet finden.
+2:8 (109)
Aus dem Gesagten wird deutlich, daß alle Dinge in ihrem innersten Wesenskern die Offenbarung der Namen und Attribute Gottes bezeugen. Jedes ist, je nach seiner Fähigkeit, ein Zeichen und Ausdruck der Erkenntnis Gottes. So mächtig und umfassend ist diese Offenbarung, daß sie alles Sichtbare und Unsichtbare umfängt. So hat Er offenbart: »Hat irgend etwas außer Dir eine Kraft der Offenbarung, die Dir fehlt, so daß es Dich hätte sichtbar machen können? Blind ist das Auge, das Dich nicht wahrnimmt«.¹ Ebenso hat der ewige König gesprochen: »Kein Ding habe ich geschaut, ich hätte denn Gott in ihm, Gott vor ihm oder Gott hinter ihm geschaut«.² Auch heißt es in der Traditionssammlung des Kumayl³: »Siehe, ein Licht strahlt auf aus dem Morgen der Ewigkeit, und siehe, seine Wellen sind in die innerste Wirklichkeit aller Menschen eingedrungen.« Der Mensch, das edelste und vollkommenste aller erschaffenen Wesen, übertrifft sie alle an Stärke dieser Offenbarung und ist ein umfassender Ausdruck ihrer Herrlichkeit. Von allen Menschen sind die vollendetsten, die ausgezeichnetsten und vollkommensten die Manifestationen der Sonne der Wahrheit. Ja, alle außer ihnen leben durch das Wirken ihres Willens; sie bewegen sich und verdanken ihr Sein ihrem Gnadenstrom. »Wenn nicht für Dich, hätte Ich die Sphären nicht erschaffen«.<4> Nein, alle schwinden in ihrer heiligen Gegenwart zu äußerstem Nichts, zu einem vergessenen Wesen dahin. Die menschliche Zunge kann niemals angemessen ihren Lobpreis singen, menschliche Rede nie ihr Mysterium enthüllen. Diese Brennpunkte der Heiligkeit, diese Ersten Spiegel, die das Licht unvergänglicher Herrlichkeit widerstrahlen, sind nur ein Ausdruck von Ihm, dem Unsichtbaren der Unsichtbaren. Durch die Offenbarung dieser Edelsteine göttlicher Tugend sind alle Namen und Attribute Gottes wie Erkenntnis und Kraft, Souveränität und Herrschaft, Barmherzigkeit und Weisheit, Herrlichkeit, Freigebigkeit und Gnade enthüllt.
¹ Gebet für den Tag Arafah, offenbart von Imám Husayn ² Ausspruch des Imám 'Alí
³ Kumayl Ibn Ziyád al-Nakha'i, einer der engsten Vertrauten des Imám Alí
<4> Heilige Tradition, Muhammad zugeschrieben
+2:9 (110)
Diese Attribute Gottes waren niemals bestimmten Propheten verliehen und anderen vorenthalten. Nein, alle Propheten Gottes, Seine wohlbegnadeten, Seine heiligen und erwählten Boten sind ohne Ausnahme die Träger Seiner Namen und die Verkörperungen Seiner Attribute. Sie unterscheiden sich nur in der Stärke ihrer Offenbarung und in der Wirkkraft ihres Lichtes. So hat Er offenbart: »Einige Sendboten haben Wir die anderen überragen lassen«.¹ Es leuchtet daher ein, daß sich in den Gestalten dieser Propheten und Erwählten Gottes das Licht Seiner unendlichen Namen und erhabenen Attribute spiegelt, auch wenn das Licht einiger dieser Attribute durch diese leuchtenden Tempel den Augen der Menschen äußerlich nicht enthüllt wurde. Daß eine bestimmte Eigenschaft Gottes durch diese Wesen der Loslösung nach außen hin nicht offenbart wurde, besagt keineswegs, daß sie, die Morgenröten der Attribute Gottes und Schatzkammern Seiner heiligen Namen, diese nicht wirklich besessen hätten. Darum sind diese erleuchteten Seelen, diese schönen Antlitze, allesamt mit allen Attributen Gottes wie Souveränität, Herrschaft und dergleichen ausgestattet, mögen sie auch dem äußeren Anschein nach aller irdischen Majestät beraubt sein. Dies ist jedem einsichtigen Auge offenbar und bedarf keines Beweises.
¹ Qur'án 2:254
+2:10 (111)
Fürwahr, die Völker der Welt sind nun ermattet und niedergeschlagen; sie schmachten vor Durst im Tale eitlen Wahns und des Eigensinns, weil sie versäumten, bei den leuchtenden, kristallklaren Quellen göttlicher Erkenntnis die innere Bedeutung der heiligen Gottesworte zu suchen. Sie sind weit abgeirrt von den frischen, durststillenden Wassern und versammeln sich um einen Salztümpel, der bitter schmeckt. Von ihnen sprach die Taube der Ewigkeit: »Und wenn sie den Pfad der Rechtschaffenheit sehen, so wollen sie ihn nicht als ihren Pfad annehmen; sehen sie aber den Pfad des Irrtums, so nehmen sie ihn als ihren Weg. Dies, weil sie Unsere Zeichen als Lüge behandelten und ihrer nicht achteten.«¹
¹ Qur'án 7:146
+2:11 (112)
Dies legt davon Zeugnis ab, was in dieser wunderbaren, erhabenen Sendung geschehen ist. Myriaden heiliger Verse sind aus dem Himmel der Macht und der Gnade herabgekommen, doch niemand hat sich ihnen zugewandt; alle haben sich an die Worte von Menschen gehalten, die keinen Buchstaben verstehen von dem, was sie reden. Aus diesem Grunde hat das Volk unbestreitbare Wahrheiten wie diese bezweifelt und ist so des Ridván göttlicher Erkenntnis und der ewigen Auen himmlischer Weisheit verlustig gegangen.
+2:12 (113)
Und nun, um in Unserer Beweisführung fortzufahren: Warum trat die Souveränität des Qá'im, die durch die Texte der überlieferten Traditionen bestätigt und durch die leuchtenden Sterne der islámischen Sendung der Nachwelt vermittelt wurde, nicht im geringsten zutage? Sogar das Gegenteil ist geschehen: Wurden Seine Gefährten und Jünger nicht von den Menschen gepeinigt, sind sie nicht immer noch Opfer des grimmigen Widerstandes ihrer Feinde? Führen sie nicht heute noch das Leben erniedrigter, hilfloser Sterblicher? Wahrlich, die dem Qá'im zugeschriebene Souveränität, von der in den Schriften die Rede ist, ist eine Realität, deren Wahrheit niemand bezweifeln kann. Diese Souveränität ist jedoch nicht die Herrschaft, die sich die Menschen fälschlicherweise vorstellen. Überdies haben die alten Propheten allesamt, wenn sie dem Volke ihrer Zeit die nächste Offenbarung ankündigten, stets nachdrücklich auf die Souveränität hingewiesen, mit der die verheißene Manifestation gewißlich bekleidet sein müsse. Dies bezeugen die Berichte in den Schriften der Vergangenheit. Souveränität wird nicht allein dem Qá'im beigemessen, dieses Attribut und alle anderen Namen und Attribute Gottes sind allen Manifestationen Gottes vor und nach Ihm verliehen, denn sie sind, wie schon ausgeführt, die Verkörperungen der Attribute Gottes, des Unsichtbaren, und die Offenbarer der göttlichen Mysterien.
+2:13 (114)
Überdies bedeutet Souveränität die dem Qá'im innewohnende, alles umfassende, alles durchdringende Macht, die Ihm wesenseigen ist, ob Er nun in der Welt mit der Majestät irdischer Herrschaft bekleidet erscheint oder nicht. Dies hängt einzig vom Willen und Gefallen des Qá'im selbst ab. Du wirst alsbald erkennen, daß die Begriffe Souveränität, Reichtum, Leben, Tod, Gericht und Auferstehung, von denen in den Schriften der Vergangenheit die Rede ist, nicht das bedeuten, was dieses Geschlecht eitel wähnt. Souveränität ist vielmehr jene höchste Herrschaft, die in allen Sendungen der Manifestation, der Sonne der Wahrheit, innewohnt und von ihr ausgeht. Diese Souveränität ist die geistige Überlegenheit über alles im Himmel und auf Erden, die Er im höchsten Maße innehat, eine Herrschaft, die sich, wenn die Zeit erfüllt ist, der Welt im genauen Verhältnis zu ihrer Fassungskraft und geistigen Aufnahmebereitschaft enthüllt, so wie die Souveränität Muhammads, des Gesandten Gottes, heute unter dem Volke offenbar ist. Du bist dir aber dessen bewußt, was Seinem Glauben in den frühen Tagen Seiner Sendung widerfahren ist. Mit welch schmerzlichem Leid hat die Hand der Ungläubigen und Irrenden, der Geistlichen jener Zeit und ihrer Genossen, dieses geistige Wesen, dieses reinste, heiligste Sein heimgesucht! Wie viele Dornen und Disteln haben sie auf Seinen Pfad gestreut! In seinem gottlosen, satanischen Wahn sah dieses nichtswürdige Geschlecht offenbar in jedem Unrecht, das diesem unsterblichen Wesen angetan wurde, ein Mittel, ewige Glückseligkeit zu erlangen, denn die anerkannten Geistlichen jener Zeit wie 'Abdu'lláh al-Ubayy, Abú 'Amír der Klausner, Ka'b Ibn al-Ashraf und Nadr Ibn al-Hárith, behandelten Ihn alle als Betrüger und nannten Ihn einen Irren und Verleumder. So schlimme Anklagen erhoben sie gegen Ihn, daß, wollte Ich sie aufzählen, Gott der Tinte verbieten würde zu fließen, Unserer Feder, sich zu bewegen, oder dem Blatt, sie zu ertragen. Diese böswilligen Vorwürfe wiegelten das Volk auf, sich gegen Ihn zu erheben und Ihn zu peinigen. Wie bitter ist eine solche Qual, wenn die Geistlichen der Zeit ihre Hauptanstifter sind, wenn sie Ihn vor ihrem Gefolge öffentlich brandmarken, Ihn aus ihrer Mitte verstoßen und Ihn einen Schurken nennen! Ist solches nicht auch diesem Diener widerfahren, wie alle bezeugen?
+2:14 (115)
Aus diesem Grunde rief Muhammad: »Kein Prophet Gottes hat solches Unrecht erlitten, wie Ich es erlitt.« Im Qur'án sind alle Verleumdungen und Vorwürfe verzeichnet, die gegen Ihn vorgebracht wurden, wie auch die Trübsale, die Er erlitt. Seht dort nach, damit ihr unterrichtet seid, wie es Seiner Offenbarung erging. So schmerzlich war Seine Lage, daß eine Zeitlang niemand mehr mit Ihm und Seinen Gefährten verkehrte. Wer immer sich zu Ihm gesellte, fiel der unerbittlichen Grausamkeit Seiner Feinde zum Opfer.
+2:15 (116)
Wir werden in diesem Zusammenhang nur einen Vers aus diesem Buch anführen. Wenn du ihn mit einsichtsvollen Augen betrachtest, wirst du während der verbleibenden Tage deines Lebens die Unbill Muhammads, dieses ungerecht behandelten, unterdrückten Gottesboten, beklagen. Dieser Vers wurde zu einer Zeit offenbart, da Muhammad erschöpft und bekümmert unter der Wucht der Feindschaft des Volkes und seiner unaufhörlichen Quälereien schmachtete. Inmitten Seiner Pein hörte Er die Stimme Gabriels, die vom Si(a)dratu'l-Muntahá her rief: »Wenn Dir ihr Widerstand schmerzlich ist - dann suche doch, wenn Du kannst, ein Loch in der Erde oder eine Leiter in den Himmel«.¹ Der Sinn dieses Verses ist, daß es in Seinem Fall keine Hilfe gab und daß sie nicht von Ihm ablassen würden, es sei denn, Er verbärge sich in den Tiefen der Erde oder nähme Seinen Flug zum Himmel.
¹ Qur'án 6:35; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.
+2:16 (117)
Bedenke, wie sehr sich alles gewandelt hat! Sieh, wie viele Herrscher das Knie vor Seinem Namen beugen! Wie zahlreich sind die Völker und Reiche, die in Seinem Schatten Schutz suchen, Seinem Glauben huldigen und sich dessen rühmen! Von den Kanzeln steigen heute Worte des Lobpreises auf, die in äußerster Demut Seinen gesegneten Namen verherrlichen, von den Spitzen der Minarette tönt der Ruf, der die Schar Seines Volkes versammelt, Ihn anzubeten. Selbst die Könige der Erde, die es abgelehnt haben, Seinen Glauben anzunehmen und das Gewand des Unglaubens abzulegen, bestätigen doch die Größe und überwältigende Erhabenheit dieser Sonne göttlicher Gnade. So steht es um Seine irdische Souveränität, deren Beweise du überall schauen kannst. Diese Souveränität muß sich noch zu Lebzeiten einer jeden Manifestation Gottes oder aber nach ihrem Aufstieg zu ihrer wahren Wohnstätte in den Reichen der Höhe offenbaren und festigen. Was du heute erlebst, ist nur eine Bestätigung dieser Wahrheit. Diese geistige Überlegenheit jedoch, die von allem Anfang an gewollt war, wohnt ihnen inne und umkreist sie von Ewigkeit zu Ewigkeit. Sie kann nicht einen Augenblick von ihnen geschieden sein. Ihre Herrschaft umfaßt alles im Himmel und auf Erden.
+2:17 (118)
Auch das Folgende ist ein Beweis der Souveränität Muhammads, der Sonne der Wahrheit: Hast du nicht gehört, wie Er mit einem einzigen Vers Licht von Finsternis, die Gerechten von den Frevlern und die Gläubigen von den Ungläubigen geschieden hat? Alle Zeichen und Anspielungen auf den Tag des Gerichts, von denen du gehört hast - wie die Auferstehung der Toten, der Tag der Abrechnung, das Jüngste Gericht und anderes -, sind durch die Offenbarung dieses Verses klar enthüllt worden. Die offenbarten Worte waren ein Segen für die Gerechten, die sie vernahmen und ausriefen: »O Gott, unser Herr, wir hören und gehorchen«.¹ Sie gereichten dem Volke des Unrechts zum Fluche, das sie auch vernahm und sagte: »Wir hören und wir lehnen uns auf«.² Diese Worte, scharf wie Gottes Schwert, haben die Gläubigen von den Ungläubigen und den Vater vom Sohn geschieden. Du hast sicherlich auch erfahren, wie die, die sich zu Seinem Glauben bekannten, und die, die ihn verwarfen, gegeneinander gekämpft und um ihren Besitz gestritten haben. Wie viele Väter haben sich von ihren Söhnen abgewandt, wie viele Liebende haben ihre Geliebten gemieden! So erbarmungslos scharf hat dieses wundersame Schwert Gottes geschnitten, daß es alle verwandtschaftlichen Bande trennte! Betrachte andererseits die allesverschmelzende Kraft Seines Wortes. Sieh, wie Menschen, unter die der Satan des Selbstes über Jahre die Saaten der Bosheit und des Hasses gesät hatte, durch ihre Ergebenheit gegenüber dieser wundersamen, übernatürlichen Offenbarung so miteinander verschmolzen wurden, daß man meinen könnte, sie seien den gleichen Lenden entsprungen. So stark ist die bindende Kraft des Gotteswortes, das die Herzen derer eint, die auf alles außer Ihm verzichten, an Seine Zeichen glauben und aus der Hand der Herrlichkeit den Kawthar von Gottes heiliger Gnade trinken. Und schließlich: Wieviele Völker verschiedenen Glaubens, sich streitender Bekenntnisse und gegensätzlicher Mentalität haben vom neu belebenden Duft der göttlichen Frühlingszeit im Ridván Gottes Atem geschöpft, sich in das neue Gewand göttlicher Einheit gekleidet und aus dem Kelch Seiner Einzigkeit getrunken!
¹ Qur'án 2:285 ² Qur'án 2:93
+2:18 (119)
Dies ist die Bedeutung des wohlbekannten Wortes: »Wolf und Lamm sollen weiden zugleich«.¹ Seht die Unwissenheit und Torheit derer, die den alten Völkern gleich immer noch harren, Zeugen der Zeit zu werden, da diese Tiere gemeinsam auf einer Aue weiden. Wie tief sind sie gesunken. Mich dünkt, ihre Lippen haben nie den Kelch der Erkenntnis berührt, ihre Füße nie den Pfad der Gerechtigkeit betreten. Von welchem Nutzen wäre es überdies für die Welt, wenn so etwas geschähe? Wie treffend hat Er über sie gesagt: »Herzen haben sie, mit denen sie nicht verstehen, und Augen haben sie, mit denen sie nicht sehen«.²
¹ Jesaja 65:25 ² Qur'án 7:178
+2:19 (120)
Sieh, wie mit diesem einen Vers aus dem Himmel des göttlichen Willens die Welt und alles darinnen von Ihm zur Rechenschaft gezogen wurde. Wer Seine Wahrheit anerkannte und sich Ihm zuwandte, dessen gute Werke wogen seine Missetaten auf, und alle seine Sünden wurden ihm vergeben. Dadurch ist die Wahrheit folgender Worte über Ihn bestätigt: »Schnell ist Er im Abrechnen«.¹ So wandelt Gott Ungerechtigkeit in Rechtschaffenheit - o würdet ihr doch die Reiche göttlicher Erkenntnis erforschen und die Geheimnisse Seiner Weisheit ergründen! Ebenso erlangte jeder, der am Kelch der Liebe teilhatte, seinen Teil am Weltmeer ewiger Gnade und an den Regenschauern unvergänglicher Barmherzigkeit; er ging in das Leben des Glaubens ein, in das himmlische, das ewige Leben. Doch wer sich von jenem Kelch abwandte, der ward zu ewigem Tode verdammt. Die Worte »Leben« und »Tod« bedeuten in den heiligen Schriften das Leben des Glaubens und den Tod des Unglaubens. Die meisten haben, weil sie die Bedeutung dieser Worte nicht zu fassen vermochten, die Gestalt der Manifestation verworfen und verschmäht; sie haben sich des Lichtes Seiner göttlichen Führung beraubt und es abgelehnt, dem Beispiel dieser unsterblichen Schönheit zu folgen.
¹ Qur'án 2:202; 3:19; 3:199; 5:4; 6:62; 13:41; 24:39
+2:20 (121)
Als das Offenbarungslicht des Qur'án im heiligen Herzen Muhammads entflammt war, gab Er dem Volke Sein Urteil über den Jüngsten Tag, über die Auferstehung, das Gericht, das Leben und den Tod. Daraufhin wurden die Banner des Aufruhrs gehißt und die Türen des Spottes aufgestoßen. So hat Er, der Geist Gottes, berichtet, was von den Ungläubigen gesprochen wurde: »Und sagst du: `Nach dem Tode werdet ihr sicherlich auferweckt`, so rufen die Ungläubigen ganz gewiß: `Das ist ja nichts als offenbare Zauberei.`«¹ Und ein andermal spricht Er: »Wenn du dich wunderst, wunderlich ist wahrlich ihr Gerede: `Was! Wenn wir Staub geworden sind, sollen wir hernach zu einer neuen Schöpfung werden?`«² Darum ruft Er an einer anderen Stelle voll Zorn: »Sind Wir denn durch die erste Schöpfung ermattet? Und dennoch bezweifeln sie eine neue Schöpfung!«³ <4>
¹ Qur'án 11:7 ² Qur'án 13:5 ³ Qur'án 50:15
<4> Bahá'u'lláh übersetzt diese drei arabischen Verse jeweils anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.
+2:21 (122)
Da die Kommentatoren des Qur'án und die Buchstabengläubigen die innere Bedeutung der Gottesworte nicht verstanden und deren eigentlichen Zweck nicht zu fassen vermochten, suchten sie nach den Regeln der Grammatik zu beweisen, daß das Wort »idh᫹, wenn es der Vergangenheitsform vorangeht, sich immer auf die Zukunft beziehe. Später aber waren sie bei dem Versuch, die Verse des Buches, in denen dieser Begriff nicht vorkommt, zu erklären, peinlich verwirrt. So hat Er offenbart: »Und es ertönte die Posaune, und sieh, der angedrohte Tag ist da! Und jede Seele wird zur Rechenschaft gerufen, und mit ihr gehen ein Treiber und ein Zeuge«.² Bei der Auslegung dieser und ähnlicher Verse haben sie manchmal argumentiert, das Wort »idhá« sei inbegriffen. In anderen Fällen haben sie sinnlos darüber gestritten, daß der Tag des Gerichts, weil er unvermeidlich sei, als ein Geschehnis nicht der Zukunft, sondern der Vergangenheit erscheine. Wie hohl ist ihre Sophisterei, wie schmerzlich ihre Blindheit! Sie weigern sich, den Posaunenstoß anzuerkennen, der in der Offenbarung Muhammads eine so deutliche Sprache spricht. Sie berauben sich selbst des neu belebenden Gottesgeistes, von dessen Hauch sie erfüllt ist, und warten töricht darauf, den Posaunenton des Seraph Gottes zu hören, der doch nur einer Seiner Diener ist! Wurden nicht der Seraph, der Engel des Gerichtstages, und seinesgleichen durch das Wort Muhammads eingesetzt? Sprich: Was! Wollt ihr das, was gut für euch ist, hingeben für das, was schlecht ist? Nichtswürdig ist, was ihr euch da fälschlich eingetauscht habt! Wahrlich, ihr seid ein übles Volk in schmerzlichem Verlust.
¹ bedeutet `wenn` oder `wann`
² Qur'án 50:20; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.
+2:22 (123)
Nein, mit »Posaune« ist der Posaunenruf der Offenbarung Muhammads gemeint, der im Herzen des Weltalls erscholl, und die »Auferstehung« ist Seine öffentliche Verkündigung der Gottessache. Er hieß die Irrenden und Widerspenstigen, sich zu erheben und aus den Gräbern ihrer Leiber zu eilen, schmückte sie mit dem Prachtgewand des Glaubens und erquickte sie mit dem Hauch eines neuen, wunderbaren Lebens. Darum ließ sich zu der Stunde, da Muhammad, diese göttliche Schönheit, sich entschloß, eines der in den Sinnbildern »Auferstehung«, »Gericht«, »Paradies« und »Hölle« verborgenen Mysterien zu enthüllen, Gabriel - die Stimme der Eingebung - vernehmen: »Binnen kurzem werden sie den Kopf über Dich schütteln und sagen: `Wann soll dies geschehen?` Sprich: `Dies kann in Bälde geschehen.`«¹ Der tiefere Sinn dieses Verses allein genügt schon den Völkern der Welt - o würden sie es doch in ihrem Herzen bedenken!
¹ Qur'án 17:51; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.
+2:23 (124)
Gnädiger Gott! Wie weit ist dieses Volk vom Wege Gottes abgeirrt! Obgleich der Tag der Auferstehung durch die Offenbarung Muhammads angekündigt wurde, obwohl Sein Licht und Seine Zeichen die Erde und alles darinnen umfangen hatte, verhöhnten sie Ihn und gaben sich Trugbildern hin, welche die Geistlichen seinerzeit in ihrem leeren, eitlen Wahn ersonnen hatten. So haben sie sich des Lichtes himmlischer Gnade und der Regenschauer göttlicher Barmherzigkeit beraubt. Fürwahr, der gemeine Käfer kann niemals den Duft der Heiligkeit verspüren, und die Fledermaus der Finsternis kann nie den Glanz der Sonne ertragen.
+2:24 (125)
Ähnliches begab sich in den Tagen aller Manifestationen Gottes. Jesus sprach: »Ihr müsset von neuem geboren werden«.¹ Und wiederum sagte Er: »Es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren wird, das ist Geist«.² Der Sinn dieser Worte ist: Wer immer in einer Sendung aus dem Geist geboren und durch den Hauch der Manifestation der Heiligkeit beseelt ist, gehört wahrlich zu denen, die zum »Leben« und zur »Auferstehung« gelangt und in das »Paradies« der Liebe Gottes eingegangen sind. Und wer nicht zu ihnen gehört, ist zum »Tod« und zur »Gottferne«, zum »Feuer« des Unglaubens und zum »Zorn« Gottes verurteilt. In allen Schriften, in den Büchern und Chroniken lautet das Urteil über die, deren Lippen nicht vom lieblich reinen Kelche wahrer Erkenntnis gekostet haben und deren Herzen der Gnade des Heiligen Geistes an ihrem Tage beraubt waren, auf Tod, Feuer, Blindheit, Mangel an Verständnis und Gehör. So wie schon früher vermerkt wurde: »Herzen haben sie, mit denen sie nicht verstehen.«³
¹ Joh. 3:7 ³ Qur'án 7:178
² Joh. 3:5-6; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.
+2:25 (126)
An anderer Stelle des Evangeliums wird berichtet, wie eines Tages der Vater eines Jüngers Jesu gestorben war und wie der Jünger den Tod seines Vaters Jesus mitteilte und Ihn bat: »Herr, erlaube mir, daß ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe«¹, worauf Jesus, dieses Wesen der Loslösung, antwortete und sprach: »Laß die Toten ihre Toten begraben«.²
¹ Lukas 9:59
² Lukas 9:60; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.
+2:26 (127)
Ähnliches geschah, als zwei Leute aus Kúfa zu 'Alí, dem Gebieter der Gläubigen, kamen. Der eine besaß ein Haus und wollte es verkaufen; der andere sollte der Käufer sein. Sie hatten vereinbart, daß dieses Rechtsgeschäft mit Wissen 'Alís abgeschlossen werden sollte. Er aber, der Vertreter des Gottesgesetzes, wandte sich an den Schreiber und sprach: »Schreibe: `Ein Toter hat von einem Toten ein Haus gekauft. Dieses Haus hat vier Grenzen: Die eine reicht an die Gruft, die andere an das Grabgewölbe, die dritte an den »Sirát«, die vierte an das Paradies oder an die Hölle.`« Bedenke, wären diese beiden Seelen vom Posaunenruf 'Alís belebt worden und hätten sie sich durch die Macht seiner Liebe aus dem Grabe des Irrtums erhoben, so wäre das Urteil des Todes sicherlich nicht über sie gesprochen worden.
+2:27 (128)
Zu allen Zeiten hatten die Propheten Gottes und ihre Erwählten nur das eine Ziel, die geistige Bedeutung der Begriffe »Leben«, »Auferstehung« und »Gericht« einzuschärfen. Wer nun ein wenig über diesen Ausspruch 'Alís in seinem Herzen nachdenkt, der wird sicherlich alle in den Worten »Grab«, »Gruft«, »Sirát«, »Paradies« und »Hölle« verborgenen Geheimnisse entdecken. Aber sieh, wie seltsam und jämmerlich das Volk eingekerkert ist im Grab des Selbstes, wie es in den tiefsten Tiefen der Begierde begraben liegt. Würdest du nur einen Tautropfen der kristallklaren Wasser göttlicher Erkenntnis erlangen, so verstündest du alsbald, daß wahres Leben nicht das Leben des Fleisches, sondern das Leben des Geistes ist. Denn das Leben des Fleisches ist Mensch und Tier gemein, während das Leben des Geistes nur denen eigen ist, die reinen Herzens sind, die aus dem Meere des Glaubens getrunken und von der Frucht der Gewißheit ihren Teil erlangt haben. Ein solches Leben kennt keinen Tod, eine solche Existenz ist von Unsterblichkeit gekrönt. So wurde gesagt: »Ein wahrer Gläubiger ist, wer sowohl in dieser Welt als auch in der künftigen lebt.« Wäre mit »Leben« dieses irdische Leben gemeint, so müßte es der Tod unzweifelhaft hinwegraffen.
+2:28 (129)
Ähnlich bezeugen die Berichte aller Schriften diese hehre Wahrheit, dieses höchst erhabene Wort. So ist auch folgender Vers des Qur'án, der über Hamzah, den »Fürsten der Märtyrer«¹, und Abú-Jahl offenbart worden ist, ein klarer Beweis und ein sicheres Zeugnis der Wahrheit Unserer Aussage: »Ist wohl, wer tot war, und Wir machten ihn lebendig, und gaben ihm ein Licht, darin zu wandeln vor den Menschen, ist er wie der im Finstern geht, und kommet nie heraus?«² Dieser Vers kam vom Himmel des Urwillens herab zu einer Zeit, da Hamzah schon mit dem heiligen Mantel des Glaubens bekleidet und Abú-Jahl bereits zunehmend in unversöhnliche Feindschaft und Unglauben geraten war. Aus dem Born der Allmacht und dem Quell ewiger Heiligkeit kam das Urteil, das Hamzah ewiges Leben verlieh und Abú-Jahl zu ewiger Verdammnis verurteilte. Dies war das Signal, das in den Herzen der Gottlosen die Feuer des Unglaubens mit heißester Flamme entfachte und sie offen herausforderte, Seine Wahrheit zurückzuweisen. Sie schrieen laut: »Wann starb Hamzah? Wann ist er auferstanden? Zu welcher Stunde ward ihm solches Leben verliehen?« Da sie den Sinn dieses hehren Spruches nicht verstanden und keine Erleuchtung bei den anerkannten Interpreten des Glaubens suchten, auf daß diese ihnen ein paar Tropfen vom Kawthar göttlicher Erkenntnis übermittelten, entbrannten solche Feuer des Unheils unter ihnen.
¹ Titel des Oheims Muhammads, Hamzah Abd al-Muttalib ² Qur'án 6:122
+2:29 (130)
Du selbst bist heute Zeuge, wie das Volk, ob hoch oder niedrig, trotz des Strahlenglanzes der Sonne göttlicher Erkenntnis diesen verworfenen Ausgeburten des Fürsten der Finsternis folgt und sie immerfort um Hilfe angeht, wenn komplizierte Fragen der Theologie zu klären sind. Doch da es ihnen an Erkenntnis gebricht, geben sie Antworten, die ihren Ruf und ihr Ansehen nicht gefährden. Es ist offenbar, daß diese Seelen, gemein und erbärmlich wie der Aaskäfer, an den Moschusdüften der Ewigkeit keinen Anteil haben und niemals in den Ridván himmlischen Entzückens eingegangen sind. Wie sollten sie da anderen den unvergänglichen Wohlgeruch der Heiligkeit übermitteln können? So sind ihre Wege, und so werden sie immer sein. Nur die werden zur Erkenntnis des Gotteswortes gelangen, die sich Ihm zuwenden und die Kundgaben Satans zurückweisen. So hat Gott wiederum das Gesetz des Tages Seiner Offenbarung bestätigt und mit der Feder der Macht auf die mystische, hinter dem Schleier himmlischer Herrlichkeit verborgene Tafel geschrieben. So du diese Worte hörst und über ihre äußere und innere Bedeutung in deinem Herzen nachdenkst, wirst du den Sinn all der verworrenen Fragen begreifen, welche heutzutage zu unüberwindlichen Schranken zwischen den Menschen und der Erkenntnis des Tages des Gerichts geworden sind. Dann wird es für dich keine Fragen mehr geben, die dich verwirren. Gebe Gott, daß du nie leer und mit dürstenden Lippen von den Küsten des Weltmeeres göttlicher Barmherzigkeit heimkehrest, ohne Anteil aus dem unvergänglichen Heiligtum deiner Herzenssehnsucht. So zeige denn, was dein Suchen und Mühen vollbringen wird.
+2:30 (131)
Wir fassen zusammen: Wir wollen mit der Darlegung dieser Wahrheiten die Souveränität Dessen beweisen, der der König der Könige ist. Sei gerecht: Ist die Souveränität die höhere, die durch den Ausspruch eines Wortes einen so durchdringenden Einfluß, eine solche Überlegenheit und ehrfurchtgebietende Majestät offenbart, oder ist es die weltliche Herrschaft der Könige auf Erden, die trotz ihrer Sorge um ihre Untertanen und ihrer Hilfe für die Armen nur einer äußerlichen, flüchtigen Ergebenheit sicher sein können, während die Menschen im Herzen weder Zuneigung noch Respekt aufbringen? Hat nicht jene Souveränität durch die Macht eines Wortes die ganze Welt unterworfen, erquickt und neubelebt? Wie kann der niedere Staub sich mit Ihm, dem Herrn der Herren, vergleichen? Welche Zunge könnte sich unterfangen, den unermeßlichen Unterschied zwischen beiden zu beschreiben? Nein, fürwahr, kein Vergleich reicht an das geweihte Heiligtum Seiner Souveränität heran. Dächte der Mensch tief darüber nach, so bemerkte er wohl, daß selbst der Diener an Seiner Schwelle über alles Erschaffene herrscht! Dies wurde schon bezeugt und wird sich in Zukunft bestätigen.
+2:31 (132)
Dies ist nur eine der Bedeutungen der geistigen Souveränität, welche Wir gemäß der menschlichen Fassungskraft dargelegt haben. Denn Er, der Urheber aller Wesen, dieses verherrlichte Antlitz, ist der Quell solcher Wirkkräfte, wie sie weder dieser Unterdrückte enthüllen noch dieses unwürdige Volk begreifen kann. Unermeßlich erhaben ist Er über den Lobpreis Seiner Herrschaft durch Menschenzungen. Verherrlicht ist Er über all das, was sie Ihm andichten.
+2:32 (133)
Nun denke nach in deinem Herzen: Wäre Souveränität irdische Herrschaft und weltliche Macht, bestünde sie in Unterwerfung und äußerlicher Gefolgschaft aller Völker und Geschlechter auf Erden - wobei also Seine Geliebten hoch geehrt und in Frieden gelassen, Seine Feinde dagegen erniedrigt und gepeinigt würden -, so wäre eine solche Souveränität Gott, dem Quell aller Herrschaft, unangemessen, Ihm, dessen Majestät und Macht alle Dinge bezeugen. Denn kannst du nicht bestätigen, daß die Menschheit größtenteils von Seinen Feinden beherrscht wird? Haben sich die Menschen nicht allesamt vom Pfade Seines Wohlgefallens abgewandt? Haben sie nicht getan, was Er verboten hat, und ungetan gelassen, nein sogar verschmäht und bekämpft, was Er befohlen hat? Waren Seine Freunde nicht immer die Opfer der Tyrannei Seiner Feinde? All dies ist offenbarer als der Glanz der Mittagssonne.
+2:33 (134)
Darum wisse, der du fragst und suchst, daß in den Augen Gottes und Seiner Erwählten irdische Herrschaft noch nie einen Wert hatte. Wenn man zudem Überlegenheit und Herrschaft als irdische Überlegenheit und weltliche Macht deutet, so wirst du außerstande sein, folgende Verse zu erklären: »Und wahrlich, unsere Heerscharen werden siegen«.¹ Und: »Gerne wohl würden sie Gottes Licht mit dem Munde ausblasen. Aber Gott ist gewillt, Sein Licht noch vollkommener strahlen zu lassen, mag es auch den Ungläubigen zuwider sein«.² Und: »Er ist der Herr über alle Dinge.« Das meiste im Qur'án bezeugt diese Wahrheit.
¹ Qur'án 37:173 ² Qur'án 9:33
+2:34 (135)
Wären die eitlen Behauptungen dieser verächtlichen Toren wahr, so hätten sie keine andere Wahl, als alle diese heiligen Verse und himmlischen Andeutungen zu verwerfen. Kein Kriegsheld war auf Erden, so erhaben und Gott so nahe wie Husayn, 'Alís Sohn; unübertrefflich und unvergleichlich war er. »Keiner war auf der Welt, der ihm gleich oder ebenbürtig war.« Doch mußt du ja gehört haben, wie es ihm ergangen ist. »Gottes Fluch über das Volk der Tyrannei!«¹
¹ Qur'án 11:18
+2:35 (136)
Wäre der Vers: »Und wahrlich, unsere Heerscharen werden siegen«¹, wörtlich auszulegen, so leuchtet es ein, daß er keinesfalls auf die Erwählten Gottes und auf Seine Heerscharen paßt, denn Husayn, dessen Heldentum wie die Sonne leuchtet, wurde unterworfen und zerschmettert und mußte zuletzt in Karbilá, im Lande Taff, den Kelch des Martyriums trinken. Ähnlich der heilige Vers: »Gerne wohl würden sie Gottes Licht mit dem Munde ausblasen. Aber Gott ist gewillt, Sein Licht noch vollkommener strahlen zu lassen, mag es auch den Ungläubigen zuwider sein.« Wäre er wörtlich auszulegen, so entspräche er niemals der Wahrheit, denn äußerlich gesehen haben die Völker der Erde zu allen Zeiten das Licht Gottes erstickt und Seine Lampen gelöscht. Wie sollte da die überlegene Souveränität dieser Lampen zu erklären sein? Was könnte die Macht des göttlichen Willens, »Sein Licht noch vollkommener strahlen zu lassen«, bedeuten? Wie schon dargelegt, war die Feindschaft der Ungläubigen so groß, daß keine dieser göttlichen Leuchten je eine Zuflucht gefunden oder den Kelch der Ruhe gekostet hat. So schwer war ihre Bedrängnis, daß der geringste unter den Menschen diesen Inbegriffen des Seins antun konnte, wonach es ihm gerade gelüstete. Die Leute wußten von diesem Leid und ließen es zu. Wie soll ein solches Volk fähig sein, Gottes Wort, diese Verse ewiger Herrlichkeit, zu verstehen und zu erklären?
¹ Qur'án 37:173
+2:36 (137)
Doch bedeuten diese Verse nicht, was sie sich vorstellen. Der tiefere Sinn der Begriffe »Überlegenheit«, »Macht« und »Einfluß« eröffnet eine ganz andere Bedeutungsebene. Betrachte einmal die durchdringende Kraft jener Blutstropfen Husayns, welche die Erde benetzten. Welch überlegenen Einfluß auf Leib und Seele der Menschen hatte selbst der Staub durch die Heiligkeit und Macht dieses Blutes in einem Maße, daß, wer Heilung von seinen Krankheiten suchte, geheilt wurde, wenn er den Staub jenes heiligen Bodens berührte. Und wer sein Eigentum schützen wollte, verwahrte in völligem Glauben ein wenig vom heiligen Staub in seinem Hause und beschirmte so seinen Besitz. Dies sind die äußeren Zeugnisse seiner Wirkkraft. Wollten Wir seine verborgenen Kräfte aufzählen, so sagte man sicherlich über Uns: »Er hat fürwahr den Staub als Herrn der Herren angesehen und den Glauben Gottes verlassen.«
+2:37 (138)
Denke überdies an die beschämenden Umstände, unter denen das Martyrium Husayns geschah, an seine Verlassenheit, wie augenscheinlich keiner zu finden war, der ihm half, keiner, der seinen Leib gewaschen und begraben hätte. Und nun sieh die große Zahl derer, die heute in den fernsten Winkeln der Erde das Pilgergewand anlegen und die Stätte seines Martyriums aufsuchen, um dort ihr Haupt auf die Schwelle seines Schreines zu legen! So überwältigend und machtvoll ist Gott, so groß die Herrlichkeit Seiner Majestät!
+2:38 (139)
Denke nicht, dieser Ruhm habe Husayn nichts mehr genützt, weil dies alles erst nach seinem Märtyrertod geschehen ist. Diese heilige Seele ist unsterblich, lebt das Leben Gottes und weilt in den Ruhestätten himmlischer Herrlichkeit auf dem Sadrih erhabener Vereinigung. Diese reinsten Wesen des Seins sind die leuchtenden Vorbilder des Opfers. Sie haben alles, ihr Leben, ihren Besitz, ihre Seele, ihren Geist, auf dem Pfade des Vielgeliebten dargebracht und werden es weiterhin tun. Keine Stufe, wie hoch sie auch sei, konnte ihnen teurer sein. Denn Liebende haben keine andere Sehnsucht als das Wohlgefallen ihres Geliebten, kein anderes Ziel als die Vereinigung mit Ihm.
+2:39 (140)
Wollten Wir dir einen Schimmer der Geheimnisse von Husayns Martyrium vermitteln und dir dessen Früchte enthüllen, so würden diese Seiten nicht genügen, um seine Bedeutung auszuschöpfen. Unsere Hoffnung ist, daß - so Gott will - der Hauch der Barmherzigkeit wehe und der göttliche Lenz den Baum des Seins mit neuem Leben bekleide, so daß wir die Mysterien göttlicher Weisheit entdecken und dank Seiner Vorsehung unabhängig von der Erkenntnis aller Dinge werden. Wir haben bis jetzt nur eine kleine Schar von Seelen erspäht, die, bar jeden Ruhmes, diese Stufe erreichten. Die Zukunft mag enthüllen, was Gottes Urteil befehlen und Sein heiliger Ratschluß¹ offenbaren wird. Also berichten Wir dir von den Wundern der Gottessache und lassen deine Ohren die Klänge himmlischer Melodien vernehmen, auf daß du die Stufe wahrer Erkenntnis erlangest und ihre Früchte genießest. So wisse denn wahrlich, daß diese Sonnen himmlischer Erhabenheit, möge ihre Wohnstatt auch im Staube sein, ihren wahren Ruhesitz auf dem Throne der Herrlichkeit in den Reichen der Höhe haben. Mögen sie auch allen irdischen Besitzes beraubt sein, so schwingen sie sich doch empor in die Sphären unermeßlichen Reichtums. Während sie im Griff des Feindes schmerzlich geprüft werden, sitzen sie zur Rechten der Macht und himmlischen Herrschaft. Inmitten der Finsternis ihrer irdischen Erniedrigung scheint auf sie das Licht unvergänglicher Herrlichkeit, und über ihre Hilflosigkeit ergießen sich die Zeichen unbesiegbarer Souveränität.
¹ English: `the Tabernacle of His decree`; zu Tabernakel siehe Glossar
+2:40 (141)
Jesus, der Sohn Marias, saß eines Tages da und sprach folgende Worte aus dem Heiligen Geist: »O Menschen! Die Speise, mit der Ich Meinen Hunger stille, ist das Gras des Feldes. Mein Bett ist der Staub der Erde, Meine Lampe in der Nacht ist der Mondenschein, und Mein Roß sind Meine Füße. Doch sehet, wer auf Erden ist reicher als Ich?« Bei der Gerechtigkeit Gottes! Tausende von Schätzen umwandeln diese Armut, und Myriaden von Reichen der Herrlichkeit sehnen sich nach solcher Niedrigkeit! Solltest du nur einen einzigen Tropfen aus dem Meer der inneren Bedeutung dieser Worte erlangen, so würdest du wahrlich der Welt und allem darinnen entsagen und dich, dem Phönix gleich, in den Flammen des unvergänglichen Feuers verzehren.
+2:41 (142)
So wird auch berichtet, daß eines Tages einer der Gefährten Sádiqs¹ sich bei diesem über seine Armut beklagte, worauf Sádiq, diese unsterbliche Schönheit, ihm zur Antwort gab: »Wahrlich, reich bist du, denn du hast einen Trunk vom Weine des Reichtums getan.« Diese von Armut heimgesuchte Seele wurde bei diesen Worten des Erleuchteten ganz verwirrt und sagte: »Wo ist denn mein Reichtum, besitze ich doch kaum eine Münze?« Doch Sádiq bemerkte dazu: »Hast du nicht unsere Liebe?« Darauf er: »Gewiß, ich habe sie, o du Sproß des Propheten Gottes!« Und Sádiq fragte ihn weiter: »Möchtest du diese Liebe für tausend Dinare tauschen?« Er antwortete: »Nein, niemals will ich sie eintauschen, und gäbe man mir gleich die Welt und alles, was darinnen ist!« Da sprach Sádiq: »Wie kann einer, der solchen Schatz besitzt, arm genannt werden?«
¹ Ja'far as-Sádiq, der sechste Imám der Shí'iten
+2:42 (143)
Diese Armut und dieser Reichtum, diese Niedrigkeit und Herrlichkeit, diese Herrschaft und Macht, alles, worauf Augen und Herzen der hohlen, törichten Seelen gerichtet sind - alles schwindet zu völligem Nichts dahin in diesem heiligen Hofe. So ist gesagt worden: »O Menschen! Ihr seid nur arm, weil ihr Gottes bedürft. Gott aber ist der Reiche, der Selbstgenügende«.¹ »Reichtum« bedeutet also die Unabhängigkeit von allem außer Gott, »Armut« der Mangel an allem, was Gottes ist.
¹ Qur'án 35:15
+2:43 (144)
Erinnere dich auch des Tages, da die Juden Jesus, den Sohn Marias, umringten und Ihn drängten, Er solle Seinen Anspruch, der Messias und Prophet Gottes zu sein, bekennen; denn sie wollten Ihn zum Ungläubigen erklären und zum Tode verurteilen. Sie führten Ihn, die Sonne des Himmels göttlicher Offenbarung, zu Pilatus und zu Kaiphas, dem obersten Priester jener Zeit. Die hohen Geistlichen waren im Palast versammelt, auch eine Menge Volkes war zusammengeströmt, um Seine Leiden zu begaffen, um Ihn zu verhöhnen und zu beleidigen. Obwohl sie Ihn mehrfach fragten - denn sie hofften, Er werde Seinen Anspruch bekennen -, verharrte Jesus stumm und sagte nichts. Schließlich stand ein von Gott Verworfener auf, trat zu Jesus und beschwor Ihn: »Hast du nicht behauptet, du seiest der göttliche Messias? Sagtest du nicht: `Ich bin der König der Könige, Mein Wort ist Gottes Wort, und Ich breche den Sabbat`?« Da hob Jesus Sein heiliges Haupt und sprach: »Siehest du nicht den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und Macht?«¹ Dies waren Seine Worte. Und nun beachte: Er, dem es dem Anschein nach an aller Macht gebrach, besaß jene innere göttliche Macht, die alles im Himmel und auf Erden umfängt. Wie kann Ich alles berichten, was über Ihn kam, als Er diese Worte gesprochen hatte? Wie soll Ich die Gemeinheit beschreiben, mit der sie Ihn behandelten? Zuletzt häuften sie solch tödliches Leid auf Seine gesegnete Gestalt, daß Er Seine Zuflucht in den vierten Himmel nahm.
¹ Matth. 26:63 f
+2:44 (145)
Das Lukasevangelium berichtet, daß Jesus eines Tages an einem Juden vorüberging, der gelähmt auf seinem Bette lag. Als der Jude Ihn erblickte, erkannte er Ihn und jammerte um Seine Hilfe. Jesus sprach zu ihm: »Erhebe dich von deinem Bett, deine Sünden sind dir vergeben.« Einige Juden, die dabeistanden, murrten und sprachen: »Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein?« Er aber durchschaute sofort ihre Gedanken, Er antwortete ihnen und sprach: »Was ist leichter, zu dem Lahmen zu sagen: `Stehe auf, nimm dein Bett und wandle`, oder: `Dir sind deine Sünden vergeben.` Ihr sollt aber wissen, daß der Menschensohn auf Erden Macht hat, die Sünden zu vergeben«.¹ Dies ist die wahre Souveränität, dies ist die Macht der Auserwählten Gottes! Unsere Ausführungen und Zeugnisse aus verschiedenen Quellen sollen dir nur dazu verhelfen, den tieferen Sinn des Gotteswortes zu erfassen, wie es von Seinen Auserwählten geäußert wurde, damit nicht einige dieser Aussprüche deinen Fuß straucheln lassen und dein Herz verstören.
¹ Luk. 5:17-26; auch Matth. 9:2-7, Mark. 2:3-12; Bahá'u'lláh übersetzt diesen arabischen Vers anschließend ins Persische, was hier im Deutschen nicht wiederholt wird.
+2:45 (146)
So laßt uns mit festem Schritt auf dem Pfade der Gewißheit wandeln, damit uns der Windhauch von den Gefilden des Wohlgefallens Gottes die süßen Düfte göttlicher Annahme spende und uns, die vergänglichen Sterblichen, zum Königreich ewiger Herrlichkeit gelangen lasse. Dann wirst du den tieferen Sinn der Souveränität und all dessen, was Traditionen und Schriften sagen, begreifen. Außerdem ist offenbar und dir bekannt, daß das, woran Juden und Christen sich geklammert hatten, und die unentwegten Nörgeleien, mit denen sie der Schönheit Muhammads begegneten, an diesem Tage auch vom Volke des Qur'án vorgebracht werden, was ihre Anklagen gegen den »Punkt des Bayán« beweisen - mögen die Seelen aller, die im Reiche göttlicher Offenbarung wohnen, ein Opfer für Ihn sein! Sieh ihre Narrheit: Sie sprechen die gleichen Worte wie die Juden in alten Zeiten, und sind dessen nicht gewahr. Wie treffend und wahr ist Sein Urteil über sie: »Lasse sie sich mit ihren Spitzfindigkeiten abgeben!«¹ »Bei Deinem Leben, o Muhammad! Sie sind ganz besessen von ihrem eitlen Wahn«.²
¹ Qur'án 6:91 ² Qur'án 15:72
+2:46 (147)
Als der Unsichtbare, der Ewige, das göttliche Wesen die Sonne Muhammads über dem Horizont der Erkenntnis aufsteigen ließ, erhoben die jüdischen Geistlichen gegen Ihn ausgeklügelte Einwände, darunter den, daß Gott nach Mose keinen Prophet mehr senden werde. Ja, in ihrer Schrift ist von einer Seele die Rede, die sich offenbaren müsse, um den Glauben des Mose zu verbreiten und die Interessen Seines Volkes zu fördern, so daß das Gesetz des Mose schließlich den ganzen Erdkreis umfasse. Darum sprach der König ewiger Herrlichkeit in Seinem Buch, auf die Worte dieser Wanderer im Tale der Gottferne und des Irrtums verweisend: »`Gottes Hand`, so sagen die Juden, `ist gefesselt.` Gefesselt seien ihre eigenen Hände, verflucht seien sie für das, was sie da sprechen. Nein, ausgestreckt sind Seine Hände!«¹ »Gottes Hand ist über ihren Händen«.²
¹ Qur'án 5:65 ² Qur'án 48:11
+2:47 (148)
Auch wenn die Kommentatoren des Qur'án die Umstände, die zur Offenbarung dieses Verses führten, verschieden schildern, solltest du dich doch bemühen, seinen Sinn zu begreifen. Er sagt: Wie falsch ist das, was sich die Juden vorstellen! Wie kann die Hand Dessen, der in Wahrheit der König ist, der das Antlitz des Mose offenbar werden ließ und Ihm das Gewand der Prophetenschaft verlieh - wie kann eines solchen Hand gefesselt sein? Wie kann man wähnen, daß Er die Macht nicht habe, nach Mose einen Boten erstehen zu lassen? Erkenne, wie abwegig ihr Gerede, wie weit sie vom Pfade der Erkenntnis und Einsicht abgeirrt sind! Beachte, wie auch heute all dieses Volk zu solchen Torheiten und Abwegigkeiten neigt. Über ein Jahrtausend lang haben sie diesen Vers rezitiert und ohne Einsicht ihr Urteil über die Juden gesprochen, ohne im geringsten zu merken, wie sie damit selbst, offen und insgeheim, die Gefühle und den Glauben des jüdischen Volkes zum Ausdruck brachten! Du bist dir sicher ihrer eitlen Behauptung bewußt, daß alle Offenbarung beendet und die Tore göttlicher Barmherzigkeit geschlossen seien, daß sich keine Sonne mehr vom Morgen ewiger Heiligkeit erheben werde, daß das Meer ewiger Gnadenfülle für immer ruhe und aus dem Heiligtum urewiger Herrlichkeit keine Gottesboten mehr offenbart würden. Dies ist das Verständnis dieser kleingeistigen, verächtlichen Menschen! Sie wähnen, der Strom von Gottes allumfassender Gnade und überfließender, reicher Barmherzigkeit, dessen Versiegen unvorstellbar ist, sei zum Stillstand gekommen. Von allen Seiten haben sie sich zur Tyrannei erhoben und die größten Anstrengungen unternommen, mit den bitteren Wassern ihres leeren Wahns die Flamme aus Gottes Brennendem Busch zu löschen; blind dafür, daß das Glas der Macht, einem Bollwerk gleich, die Lampe Gottes beschirmt. Diesem Volk genügt wohl seine völlige Erniedrigung, denn es ist der Erkenntnis des eigentlichen Zwecks der Gottessache beraubt, und ihr Geheimnis und ihr Wesenskern sind ihm verhüllt, ist doch die höchste, alles übertreffende dem Menschen gewährte Gnade, »in Gottes Gegenwart zu gelangen« und Ihn zu erkennen, wie es allem Volke verheißen ist. Dies ist die höchste Gnade des Altehrwürdigen, des Gnadenvollen, für den Menschen, die Fülle Seiner grenzenlosen Güte für Seine Geschöpfe. An dieser Gnade und Güte hat niemand aus diesem Volke teil, und keiner wurde mit solch höchst erhabener Würde beehrt. Wie viele offenbarte Verse bezeugen ausdrücklich diese gewichtige Wahrheit und dieses höchst erhabene Thema! Und doch haben sie sie verworfen und ihren Sinn nach ihren eigenen Wünschen umgedeutet. So hat Er offenbart: »Jene aber, die nicht an Gottes Zeichen glauben, noch daran, daß sie Ihm je begegnen werden, werden an Meiner Barmherzigkeit verzweifeln, denn ihrer harrt eine schmerzliche Züchtigung«.¹ Auch sagt Er: »Die damit rechnen, daß sie ihrem Herrn begegnen und zu Ihm zurückkehren werden«.² An einer anderen Stelle spricht Er: »Jene, die es für gewiß hielten, Gott zu begegnen, sagten: `Wie oft hat durch Gottes Willen eine kleine Schar eine große Schar besiegt!`«³ Und ein andermal offenbart Er: »So lasset ihn denn, da er in die Gegenwart seines Herrn zu gelangen hofft, ein rechtschaffenes Werk tun«.<4> Und wiederum spricht Er: »Er ordnet alle Dinge. Er läßt uns Seine Zeichen deutlich schauen, auf daß ihr festen Glauben habet, in die Gegenwart eures Herrn zu gelangen«.<5>
¹ Qur'án 29:23 ² Qur'án 2:46 ³ Qur'án 2:249 <4> Qur'án 18:111 <5> Qur'án 13:2
+2:48 (149)
Dieses Volk hat die Verse, die unzweideutig die Wirklichkeit des »Gelangens in die göttliche Gegenwart« bezeugen, verworfen. Kein Thema wurde in den heiligen Schriften nachdrücklicher behandelt. Gleichwohl haben sie sich selbst dieses hohen, dieses erhabensten Ranges beraubt, dieser vornehmsten, herrlichen Stufe. Einige haben behauptet, das »Gelangen in die göttliche Gegenwart« bedeute die »Offenbarung« Gottes am Tage der Auferstehung. Sollten sie behaupten, »Offenbarung« Gottes sein im Sinne einer »allumfassenden Offenbarung« zu verstehen, so ist doch offenkundig, daß eine solche Offenbarung bereits in allen Dingen vorhanden ist. Diese Wahrheit haben Wir schon begründet, denn Wir haben ausgeführt, daß alle Dinge Empfänger und Offenbarer der Strahlen jenes wahren Königs sind und daß die Zeichen der Offenbarung jener Sonne, des Quells allen Strahlenglanzes, in den Dingen gespiegelt, vorhanden und sichtbar sind. Fürwahr, schaute der Mensch mit dem Auge geistiger und göttlicher Unterscheidung, so würde er gar bald erkennen, daß nichts bestehen kann ohne die Offenbarung der Strahlen Gottes, des wahren Königs. Sieh, wie beredt alles Erschaffene die Offenbarung dieses inneren Lichtes in ihnen bezeugt. Sieh, wie in allen Dingen die Tore zum Ridván Gottes geöffnet sind, so daß die Sucher zu den Städten der Erkenntnis und Weisheit gelangen und eingehen in die Gärten des Wissens und der Macht. Jeder Garten läßt sie die mystische Braut der inneren Bedeutung in den Kammern der Rede in all ihrer Lieblichkeit und im schönsten Schmucke erblicken. Die meisten Verse des Qur'án verkünden und bezeugen dieses geistige Thema. Der Vers: »Und nichts gibt es dort, das nicht Sein Lob anstimmt«¹, ist ein beredter Beweis dafür, und: »Wir bemerkten alle Dinge und schrieben sie nieder«², ist ein glaubwürdiger Zeuge. Wenn nun das »Gelangen in die Gegenwart Gottes« die Erkenntnis einer solchen Offenbarung bedeuten sollte, so ist es offenbar, daß alle Menschen schon die Gegenwart des ewigen Antlitzes jenes unwandelbaren Königs erlangt haben. Warum sollte man dann eine solche Offenbarung auf den Tag der Auferstehung beschränken?
¹ Qur'án 17:44 ² Qur'án 78:29
+2:49 (150)
Und sollten sie behaupten, mit der »göttlichen Gegenwart« sei die »besondere Offenbarung Gottes« gemeint, die manche Súfí als die »Heiligste Ausgießung« bezeichnen, so leuchtet ein, daß sie, falls in dem Höchsten Wesen selbst geschehen, ewig in der göttlichen Erkenntnis ruht. Geht man von der Richtigkeit dieser Hypothese aus, so ist ein »Gelangen in die göttliche Gegenwart« in diesem Sinne offensichtlich niemandem möglich, denn diese Offenbarung wäre nur auf das innerste Wesen beschränkt, zu dem kein Mensch Zutritt hat. »Der Weg ist versperrt, und alles Suchen wird abgewiesen.« Die mit Vernunft begnadeten Seelen des Himmels vermögen, so hoch sie sich auch emporschwingen, niemals zu dieser Stufe zu gelangen, um wieviel weniger das Verständnis von Menschen mit getrübter und beschränkter Erkenntnisfähigkeit.
+2:50 (151)
Und sollten sie behaupten, die »göttliche Gegenwart« bedeute eine »Gottesoffenbarung zweiten Ranges«, die als die »Heilige Ausgießung« ausgelegt wird, so ist eine solche, wie anerkannt, in der Welt der Schöpfung möglich, und zwar in dem Reich erster und ursprünglicher Offenbarung Gottes. Eine solche Offenbarung ist auf Seine Propheten und Auserkorenen beschränkt, da kein Mächtigerer als sie in die Welt des Seins getreten ist. Alle anerkennen und bezeugen diese Wahrheit. Diese Propheten und Auserkorenen sind die Empfänger und Offenbarer all der ewigen Attribute und Namen Gottes. Sie sind die Spiegel, die Gottes Licht unverfälscht widerstrahlen. Was für sie gilt, gilt in Wirklichkeit für Gott selbst, der der Sichtbare und der Unsichtbare ist. Niemand kann Ihn, den Ursprung aller Dinge, erkennen und in Seine Gegenwart gelangen, solange er nicht diese leuchtenden Wesen, die aus der Sonne der Wahrheit hervorgehen, erkennt und in ihre Gegenwart gelangt. Wer darum zur Gegenwart dieser heiligen Leuchten gelangt, der ist die »Gegenwart Gottes« gelangt, und durch ihre Erkenntnis ist ihm die Erkenntnis Gottes enthüllt, durch das Licht ihres Antlitzes das strahlende Antlitz Gottes offenbar. Die mannigfachen Eigenschaften dieser Wesen der Loslösung, die die Ersten wie die Letzten, die Sichtbaren wie die Verborgenen sind, verdeutlichen, daß Er, die Sonne der Wahrheit, »der Erste und der Letzte, der Sichtbare und der Verborgene«¹ ist. Ebenso steht es auch um die anderen hohen Namen und erhabenen Attribute Gottes. Wer es auch sei und in welcher Sendung er auch lebe: Wer die Gegenwart dieser herrlichen, strahlenden, höchst erhabenen Leuchten erkannt und erreicht hat, ist wahrlich in die »Gegenwart Gottes« gelangt und in die Stadt des ewigen, unsterblichen Lebens eingegangen. In diese Gegenwart kann der Mensch nur am Tage der Auferstehung gelangen, dem Tag, da Gott selbst aufersteht durch Seine allumfassende Offenbarung.
¹ Qur'án 57:3
+2:51 (152)
Dies ist die Bedeutung des »Tages der Auferstehung«, von dem in allen heiligen Schriften die Rede ist und der allem Volke verkündet ward. Bedenke: Läßt sich ein mächtigerer, herrlicherer Tag vorstellen, daß der Mensch bereitwillig auf solche Gnade verzichten und sich selbst der Gnadenfülle berauben sollte, einer Gnade, die wie Frühlingsregen vom Himmel der Barmherzigkeit auf alle Menschheit niederströmt? Nachdem Wir so schlüssig dargetan haben, daß kein Tag größer ist als dieser Tag und keine Offenbarung herrlicher als diese Offenbarung, und nachdem Wir alle gewichtigen, untrüglichen Beweise vorgebracht haben, die kein Mensch mit Einsicht in Frage stellen und kein Gelehrter übersehen kann - wer möchte da, um der eitlen Streitsucht des Volkes des Zweifels und der Launen willen, sich eine so große Gnade entgehen lassen? Haben sie nicht die wohlbekannte Tradition vernommen: »Wenn der Qá'im sich erhebt, dann ist der Tag der Auferstehung«? So haben die Imáme, diese unauslöschlichen Leuchten göttlicher Führung, auch den Vers ausgelegt: »Was können sie erwarten, als daß Gott zu ihnen herabkomme im Schatten der Wolken?«¹ - ein Zeichen, das sich auf den Qá'im und Seine Offenbarung bezieht und das sie unbestreitbar als eines der Geschehnisse am Tage der Auferstehung betrachten.
¹ Qur'án 2:210
+2:52 (153)
Darum strebe danach, o mein Bruder, den Sinn der »Auferstehung« zu erfassen, und reinige dein Ohr von dem eitlen Geschwätz dieser Verworfenen. Solltest du in das Reich völliger Loslösung eintreten, so wirst du alsbald bezeugen, daß kein Tag mächtiger ist als dieser und daß keine Auferstehung gewaltiger gedacht werden kann als diese. Ein gutes Werk an diesem Tage kommt den guten Werken gleich, die die Menschen in Myriaden von Jahrhunderten vollbracht haben - nein, Wir bitten Gott um Vergebung für solchen Vergleich! Denn wahrlich, die Belohnung eines Werkes an diesem Tage steht weit über dem Urteil der Menschen. Da aber jene stumpfen, elenden Seelen die wahre Bedeutung der »Auferstehung« und des »Gelangens in die Gegenwart Gottes« nicht begreifen, gehen sie deren Gnade gänzlich verlustig. Obwohl das einzige, fundamentale Ziel allen Lernens und aller Mühe ist, diese Stufe zu erreichen und zu erkennen, bleiben sie doch tief in ihr weltliches Sinnen und Trachten verstrickt und sind darin völlig gefangen. Sie wissen nichts von Ihm, dem Wesen allen Wissens, dem letzten Ziele ihres Suchens! Mich dünkt, sie haben nicht einen Tropfen aus den Regenschauern himmlischer Gnade erlangt, ihre Lippen haben nie den Kelch göttlichen Wissens berührt.
+2:53 (154)
Bedenke: Wie kann man einen Menschen, der am Tage der Gottesoffenbarung versäumt, die Gnade der »göttlichen Gegenwart« zu erlangen und Seine Manifestation zu erkennen, gerechterweise gelehrt nennen, und hätte er auch tausend Jahre studiert und all das beschränkte, irdische Wissen der Menschen erworben? Es ist wahrlich augenfällig, daß er keineswegs als einer gelten kann, der wahre Erkenntnis hat, wogegen der ungelehrteste Mensch, wenn er mit diesem höchsten Unterscheidungsvermögen geadelt ist, wahrlich zu den Gottesgelehrten gerechnet wird, deren Wissen von Gott ist, denn solch ein Mensch hat das Ziel aller Erkenntnis und den höchsten Gipfel des Wissens erreicht.
+2:54 (155)
Auch diese Stufe ist eines der Zeichen am Tage der Auferstehung; denn es ist gesagt: »Die Erhöhten unter euch wird Er erniedrigen; und die Erniedrigten wird Er erhöhen«.¹ Ebenso hat Er im Qur'án offenbart: »Und Wir wollen denen, die im Lande erniedrigt wurden, Unsere Gunst erweisen und sie zu geistigen Führern unter den Menschen und zu Unseren Erben machen«.² Es hat sich an diesem Tage wieder erwiesen, wie viele Geistliche, weil sie die Wahrheit verwarfen, in die äußersten Tiefen der Unwissenheit gefallen sind und dort verweilen, und wie ihre Namen aus der Reihe der Hochangesehenen und Gelehrten getilgt wurden, während viele Unwissende, weil sie den Glauben annahmen, sich zum hohen Gipfel des Wissens emporschwangen, wie deren Namen durch die Feder der Macht auf die Tafeln göttlichen Wissens geschrieben wurden. Darum: »Gott tilgt oder bestätigt, was Er will, denn bei Ihm ist die Quelle der Offenbarung«.³ So wird gesagt: »Nach einem Beweis zu suchen, wenn der Beweis schon erbracht ist, ist unziemlich, und nach Wegen zur Erkenntnis zu suchen, wenn der Gegenstand allen Wissens schon da ist, das ist wahrlich tadelnswert.« Sprich: O Volk der Erde! Schau auf diesen von Feuer durchglühten Jüngling, der durch die grenzenlosen Weiten des Geistes dahineilt und dir die Botschaft verkündet: »Siehe, die Lampe Gottes leuchtet«, der dich aufruft, auf Seine heilige Sache zu achten, die, wenngleich noch hinter den Schleiern altehrwürdigen Glanzes verborgen, im Lande 'Iráq über dem Horizont ewiger Herrlichkeit erstrahlt.
¹ vgl. Hes. 21:31; Matth. 23:12; Luk. 18:14 ² Qur'án 28:5 ³ Qur'án 13:41
+2:55 (156)
O Mein Freund! Erforschte der Vogel deines Geistes die Himmel der Offenbarung des Qur'án und betrachtete er das darin ausgebreitete Reich göttlicher Erkenntnis, so fändest du sicherlich unzählige Tore des Wissens vor dir geöffnet. Du erkenntest gewiß, daß alles, was am heutigen Tage dieses Volk hindert, die Küsten des Weltmeeres ewiger Gnade zu erreichen, auch in der Sendung Muhammads dem Volk jener Zeit verwehrte, Seine göttliche Leuchte zu erkennen und für ihre Wahrheit Zeuge zu sein. Du wirst auch die Mysterien der »Wiederkunft« und »Offenbarung« erfassen und wohlgeborgen in der erhabensten Kammer der Gewißheit verweilen.
+2:56 (157)
Und es begab sich, daß eines Tages einige Gegner jener unvergleichlichen Schönheit, die von Gottes unvergänglichem Heiligtum weit abgeirrt waren, spöttisch diese Worte zu Muhammad sprachen: »Wahrlich, Gott hat einen Bund mit uns geschlossen, daß wir keinem Boten glauben sollen, solange er uns nicht ein Opfer bringt, welches vom Feuer des Himmels verzehrt wird«.¹ Der Sinn dieses Verses ist, daß Gott mit ihnen übereingekommen war, daß sie keinem Boten glauben sollten, wenn er nicht das Wunder von Abel und Kain vollbringe, das heißt, ein Opfer darbiete, welches vom Feuer des Himmels verzehrt werde, wie sie es aus der Geschichte von Abel gehört hatten, über die die heiligen Schriften berichten. Darauf antwortete Muhammad und sprach: »Schon vor Mir sind Boten zu euch gekommen mit sicheren Beweisen und auch mit dem, wovon ihr sprecht. Warum erschlugt ihr sie? Sagt es Mir, wenn ihr wahrhaftige Menschen seid«.² Und nun, urteile gerecht: Wie konnten diese Zeitgenossen Muhammads schon Jahrtausende vorher gelebt haben, zu der Zeit Adams oder anderer Propheten? Warum sollte Muhammad, dieses Wesen der Wahrhaftigkeit, den Menschen Seines Tages den Mord an Abel oder anderen Propheten zur Last legen? Du hast keine andere Wahl: Entweder siehst du in Muhammad einen Betrüger oder Narren - was Gott verhüte! - oder du pflichtest der Ansicht bei, daß jene Gottlosen eben dasselbe Volk waren, das zu allen Zeiten den Propheten und Boten Gottes mit Spitzfindigkeiten entgegentrat und sie schließlich alle den Märtyrertod erleiden ließ.
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